Bariton, Chorleiter, Sprecher und Rhetoriktrainer
So geht Beschaulichkeit: Eine Katze räkelt sich vor dem Kachelofen und lauscht ihrem Herrchen, dem Bariton Orlando Schenk, der am Klavier ein Schubertlied probt. Draußen hängt der Nebel über den Baumwipfeln des Pfälzerwaldes. Genau diese Heimeligkeit hat Orlando Schenk lange gesucht.
Er hat in London Gesang studiert, war als Opernsänger weltweit unterwegs – und ist heute in Nothweiler angekommen, einem 129-Seelen-Dorf im Landkreis Südwestpfalz.
Beim Ankommen geholfen hat ihm die Musik: „Sie überspringt Vorurteile, sie überspringt Kulturen, sie überspringt Sprachen. Und das ist für mich etwas Magisches, was die Sprache nicht unbedingt leisten kann“, sagt Schenk.
Dabei arbeitet er nicht nur mit Musik: Er singt, arbeitet aber auch als Rezitator und gibt Trainings im Sprechen, für Rhetorik und interkulturelle Kommunikation.
Aufgewachsen in London, heimisch in der Nordpfalz
Orlando Schenks künstlerische und akademische Laufbahn ist entsprechend vielstimmig: Er studierte Musik im englischen Durham, absolvierte ein Gesangsstudium an der renommierten Guildhall School of Music and Drama in London und erweiterte seine Expertise später in Regensburg mit einem Master in Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. Außerdem lässt er sich zum Heilpraktiker ausbilden.
1972 als Sohn einer Engländerin und eines Schweizers geboren, wurde er früh geprägt von verschiedenen Kulturen und vielen Ortswechseln. Lange war er auf der Suche nach einem Ort, der sich nach Heimat anfühlt. Im Dahner Felsenland fand er ihn.
„Ich kriege oft die Frage gestellt, warum ich quasi am Arsch der Welt lebe“, sagt Schenk lächelnd. „Ich bin in London aufgewachsen bis ich acht Jahre alt war. Dann sind wir als Familie in den Südwesten umgezogen. Als ich nach Deutschland kam, war ich in Großstädten unterwegs. Aber innerlich habe ich mich wieder nach dem Landleben gesehnt.“
Auf der Suche nach Verbundenheit
Nach Auftritten in London, New York und Tokio, ist er heute neben seiner Arbeit als Sprecher und Dozent an der Akademie für gesprochenes Wort in Stuttgart auch Leiter des Kirchenchors Birkenhördt – ganz in der Nähe seines Wohnorts. Diese Vernetzung vor Ort ist ihm wichtig: „Es gibt mir ein Gefühl von Verbundenheit, was ich brauche und sehr schätze.“
Künstlerisch sei er aber stets auf der Suche: „Ich würde sagen, wenn ich meine künstlerische Heimat finde, ist etwas schiefgegangen. Eine künstlerische Heimat ist, glaube ich, paradoxerweise eine Art Sehnsucht: Nur durch sie sucht man weiter, und nur durch diese Suche bleibt man aktiv, findet und erzählt.“
Ein Dickens-Abend in der Pfalz
In diesem Jahr steht für den Birkenhördter Chor ein besonderes Projekt auf dem Programm: Charles Dickens’ „A Christmas Carol“. Orlando Schenk rezitiert die Weihnachtsgeschichte – eingebettet in Schubertlieder, Chorgesang und Orgelmusik von Johann Sebastian Bach.
Trotz seiner internationalen Erfahrung bleibt die Aufführung in der stimmungsvollen Marktkirche Bad Bergzabern für ihn etwas Besonderes: „Hier kennt man mich und dadurch habe ich mehr Druck.“ Menschen, die einen kennen, geben einem mehr Feedback, sagt er.
Und ein Auftritt bleibt für ihn immer ein Abenteuer: „Egal wie gut du warst: Es bedeutet nicht, dass du am nächsten Tag mit der gleichen Brillanz abliefern wirst. “
Dickens veröffentlichte seine Erzählung ursprünglich als „Weihnachtslied“. Der Menschenfeind Ebenezer Scrooge wird darin zum Menschenfreund – ein Wandel, der auch Orlando Schenks Arbeit begleitet: die Überzeugung, dass Sprache und Gesang Menschen berühren und verändern können.
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