Triennale Kleinplastik Fellbach 2025: Ein Blick auf Habitate
Seit Ende Mai läuft die Triennale Kleinplastik in Fellbach bei Stuttgart – ein alle drei Jahre stattfindendes Forum für zeitgenössische Skulptur von internationalem Rang. 2025 stand alles im Zeichen „Habitate“: Die Ausstellung hinterfragt, wie Menschen mit den Lebensräumen von Pflanzen und Tieren umgehen und welchen Platz wir in diesen Ökosystemen einnehmen.
Aus über 120 internationalen Beiträgen wurde die Arbeit „Rare Earthenware“ von Unknown Fields mit dem Triennale-Preis ausgezeichnet: Eine Kunstinstallation bestehend aus Keramikvasen, die aus aus radioaktivem Schlamm getöpfert wurden samt gleichnamigem Entstehungsfilm – eine Kunstwerk also, das die Umweltzerstörung, Konsum und globale Verantwortung eindringlich thematisiert.
Unknown Fields: Forscher, Designer, Aktivisten
Das Design-Forschungsstudio Unknown Fields wurde 2010 von der Britin Kate Davies und und dem Australier Liam Young gegründet. Das Kollektiv besteht aus wechselnden Mitgliedern aus den Bereichen Architektur, Designer, Film und Forschung. Damit bewegen sich die Projekte von Unknown Fields an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Aktivismus.
Das Kollektiv reist an ungewöhnliche Orte weltweit, um Umweltverschmutzung, Industrieanlagen und die oft versteckten Folgen unserer Konsumgesellschaft zu untersuchen. Innerhalb ihrer künstlerischen Projekte macht es die globalen Verflechtungen sichtbar, die unseren Alltag prägen.
Kunst trifft Umweltjournalismus
Mit sorgfältig recherchierten Expeditionen macht Unknown Fields sichtbar, was sonst oft unsichtbar bleibt: die Umweltzerstörung, den Abbau seltener Rohstoffe und die Menschen, die darunter leiden. Ihre Arbeit lädt dazu ein, über persönliche und gesellschaftliche Verantwortung nachzudenken.
In seinen Arbeiten kombiniert Unknown Fields die akribische Feldforschung mit spekulativem Design und immersiven Filmen. Die Projekte sind also Kunstwerke und investigative Reportagen zugleich, die Umweltfragen poetisch und eindringlich vermitteln.
„Rare Earthenware“ – Kunst aus toxischem Schlamm
Die Idee zu den Keramikvasen „Rare Earthenware“ entstand bei einer Undercover-Recherche in Baotou. Die Industriestadt in der Inneren Mongolei beherbergt eine der weltweit größten Abbaustätten für seltene Erden. Diese Rohstoffe sind essenziell für moderne Technik – von Smartphones bis zu Elektroautos. Doch bei der Gewinnung fallen große Mengen hochgiftigen, radioaktiven Abfallschlamms an.
Dieser lagert in einem etwa zehn Kilometer langen See. Die Umweltzerstörung ist gravierend, wird aber von Behörden und Industrie weitgehend vertuscht. Das Kollektiv reiste deshalb als vermeintliche Investoren an und dokumentierte heimlich das Ausmaß der Verschmutzung. Bei einem Wachpersonalwechsel gelang es ihnen, auf das Gelände unbemerkt radioaktive Schlammproben zu sammeln.
Aus diesem verseuchten Schlamm stellte das Kollektiv drei Vasen her. Jede Vase steht symbolisch für die Abfallmenge, die bei der Herstellung eines einzelnen Smartphones, Laptops oder einer Auto-Batterie anfällt.
Die Kombination aus traditioneller Keramik und gefährlichem radioaktivem Material macht die Verbindung zwischen jahrtausendealter Kultur und den Schattenseiten der digitalen Gegenwart sichtbar.
Ökologische Kunst und Zukunftsvisionen
Unknown Fields ist Teil einer wachsenden Kunstbewegung, die Umweltzerstörung nicht nur dokumentiert, sondern erfahrbar macht. Mit ihren Expeditionen an Orte wie das chinesische Baotou zeigen sie, welche unsichtbaren Kosten unsere Technologien haben – und wie eng Konsum, Umwelt und Politik verflochten sind.
Diese künstlerische Auseinandersetzung mit Ökologie ist längst kein Randphänomen mehr. Weltweit arbeiten Künstler*innen an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Aktivismus, um neue Sichtweisen auf die Klimakrise und unsere Rolle darin zu eröffnen.
Globale Stimmen der ökologischen Kunst
In New York realisiert beispielsweise Mary Mattingly schwimmende Gärten, sogenannte „Swale“, die auf dem Wasser Nahrungspflanzen kultivieren. Damit hat die Künstlerin ein Modell für Versorgungssicherheit in Zeiten steigender Meeresspiegel geschaffen. Ihre Arbeiten sind urbane Skulptur und soziale Utopie zugleich.
Die Französin Hélène David konserviert Gletscherwasser in Eisskulpturen. Mit jeder Skulptur, die schmilzt, verschwindet ein Stück unwiederbringlicher Natur. Ihre Arbeiten sind fragile Mahnmale gegen das globale Tauen.
In Indonesien arbeitet das Kollektiv Jatiwangi art Factory mit lokalen Materialien wie Ziegeln und Lehm. Sie organisieren Festivals, Konzerte und Performances, die sich mit Landrechten, Klimagerechtigkeit und Gemeinschaft auseinandersetzen. Kunst wird hier zum kollektiven Werkzeug.
Diese Positionen verbindet ein gemeinsames Ziel: Die ökologischen Folgen menschlichen Handelns sichtbar zu machen – aber auch Wege für neue, gerechtere Beziehungen zwischen Mensch und Natur zu skizzieren.