„Linolschnitt heute XIII“

Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen an Sergei Moser: Surreale Bildwelten im Linoldruck

Der Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen ist der wohl wichtigste Wettbewerb für Linolschnitt und -druck überhaupt. Rund 500 Künstler aus aller Welt haben sich für den aktuellen Jahrgang beworben. Der erste Preis geht an Sergei Moser.

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Stand

Von Autor/in Andreas Langen

Handgemachte Konzertplakate

Sergei Moser ist ein vielseitiger und erfolgreicher Künstler. Gerade hat er den weltweit wohl wichtigsten Wettbewerb für Linoldruck gewonnen, den Grafik-Preis der Stadt Bietigheim-Bissingen. Einige Jahre zuvor hat er seine Bilder noch verschenkt.

Da machte Moser als Drummer der Rock-Band „Spoiled Nikita“ Furore und verteilte seine Grafische Kunst zwischen Feinstaub und Taubendreck an Stuttgarter Straßenrändern: als handgemachte Konzertplakate, jeder Bogen ein Unikat.

„Ich hatte Fans, die diese Plakate wieder abgeklebt oder abgerissen haben, weil sie wussten, dass das Originale sind. So 50, 60 Stück im Stuttgarter Raum verteilt“, so Moser.

Linolschnitt heute XIII – Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen
Pia E. van Nuland: City of Trees, 2022. Farblinolschnitt, Ölfarbe auf Leinwand, Triptychon Bild in Detailansicht öffnen
Linolschnitt heute XIII – Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen
Tom Korn: Sierksdorf aus der 8-teiligen Serie: Ostseemoderne, 2023/2. Farblinolschnitt Bild in Detailansicht öffnen
Linolschnitt heute XIII – Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen
Anja Klafki: Die Wache, 2024.Farblinolschnitt auf Japanpapier Bild in Detailansicht öffnen
Linolschnitt heute XIII – Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen
Tina Graf: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag aus der 7-teiligen Serie: Sieben Tage die Woche. 2023 Bild in Detailansicht öffnen
Linolschnitt heute XIII – Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen
Julienne Jattiot: Froschsturz (Es entstand ein Schweigen im Himmel etwa eine halbe Stunde), 2023. Farblinolschnitt Bild in Detailansicht öffnen

Kein Exemplar gleicht dem anderen

Kunst zum Abreißen, umsonst und draußen, eine Art Guerilla-Kampagne im öffentlichen Raum; gleichzeitig hatten es die Plakate in die damalige Ausgabe des Bietigheimer Wettbewerbs geschafft.

Jetzt hat Sergei Moser dort den ersten Preis abgeräumt, wieder gibt es Originale von ihm – und wieder nicht direkt als solche erkennbar, erklärt Museumsleiterin Isabell Schenk-Weininger. Sie nimmt den aktuellen Katalog zur Hand und deutet auf den Umschlag.

„Der erste Preisträger hat die Aufgabe, Pflicht und Freude diesen Umschlag zu gestalten.“ Das funktioniert dank einer uralten, tonnenschweren Maschine bei einer Bietigheimer Traditionsdruckerei.

Wenn dort im Erdgeschoss das Ungetüm namens „Heidelberger Zylinderpresse“ anläuft, dann hört man das noch drei Stockwerke höher. Der Katalog-Umschlag ist ein Schmuckstück in zweifarbigem Linoldruck, bei dem kein Exemplar dem anderen gleicht, erklärt Isabell Schenk-Weininger.

Das macht ja gerade den Reiz von so einem Originaldruck aus, die Farbe ist eben manchmal ein bisschen stärker, manchmal wird sie etwas schwächer. Das sind so kleine Varianten und man könnte sie tatsächlich durchnummerieren.

Surreale Bildwelten durch vollen Körpereinsatz

Die Vorlagen für das Katalog-Cover sind großformatige, farbige Bilder auf ausrangierten Schul-Landkarten aus dem Erdkundeunterricht. Darauf druckt und malt Sergei Moser surreale Bildwelten, inspiriert vom Zeichenvorrat des Sowjet-Imperiums, in dem er seine Kindheit verbrachte.

Um auf den großen Formaten der Landkarten die gedruckten Teile einzubringen, braucht es bisweilen den vollen Körpereinsatz.

Moser erklärt: „Auf einzelne Teile, die ich auf meine Leinwand drauflege, stampfe ich auch wirklich mit dem ganzen Körpergewicht drauf, sogar springend, als ob man Wein pressen würde. Und teilweise arbeite ich auch mit einem Gummihammer.“

Kommentare zu aktuellen Kriegen

Mosers Bilder verweisen eher dezent auf die Gegenwart, etwa in Form eines kleinen Apple-Logos, aus dem sich unheilverkündend etwas ein Wurmartiges herauswindet. Etliche andere Beiträge der Ausstellung kommentieren ganz explizit die aktuellen Kriege, zum Beispiel der 2. Preis des Wettbewerbs, ein riesiges, düsteres Tableau von Olesya Dzhurayeva aus Kiew.

Linolschnitt heute XIII – Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen
Olesya Dzhurayeva: Under the pressure. Window of Hope, 2024

„Sie hat ein Bild geschaffen, das aus älteren Ansichten von Kiew besteht, vor dem Kriegsausbruch, die sie überdruckt hat mit schwarzer Farbe, sodass es wie eine Art Auslöschung des bisherigen Lebens erscheint. Und es gibt nur ein kleines Fenster, das etwas Licht reinbringt in dieses Dunkel“, schildert Isabell Schenk-Weininger.

Neben solcher Symbolik besticht die Ausstellung vor allem mit der enormen Bandbreite der ausgewählten Arbeiten. Linoldruck, das lernt man hier, gibt es als Trickfilm, Keramik, Leporello, Buch, Leinwand auf Keilrahmen oder Guckkasten mit beweglichen Folien.

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Autor/in
Andreas Langen
Andreas Langen, Autor und Redakteur, SWR Kultur