Zusammenarbeit von zehn Museen

Das Mysterium Mensch: Ausstellung „Le temps retourné“ in Straßburg

Vom Jenseits bis zur Kindheit: Die Sonderausstellung „Le temps retourné“ im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Straßburg erzählt das menschliche Leben rückwärts. Werke von Renoir bis Sarah Jones machen Alter, Körper und Zeit erfahrbar.

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Stand

Von Autor/in Lukas Fleischmann

Zehn Straßburger Museen arbeiten zusammen

Es beginnt – oder endet, je nach Perspektive – in Grau und Schwarz. Denn die Farben, die wir meist mit Tod, Nichts und Jenseits verbinden, markieren in dieser Sonderausstellung den Anfang.

Die Idee klingt zunächst nicht besonders originell: Lebensphasen rückwärts erzählen, mithilfe von Kunst. Spannend wird es aber, weil zehn Straßburger Museen zusammenarbeiten, um diesen Lebenslauf aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen. Und weil hier fast ausschließlich Werke zu sehen sind, die sonst kaum ausgestellt werden.

vue de l’exposition - Le temps retourné
Eine Reise durch die Epochen eines Menschenlebens.

Vertraute Motive

Gleich am Anfang fällt eine vier Meter hohe Skulptur des russischen Künstlers Anatoly Osmolowsky aus dem Jahr 2010 ins Auge: schlicht „Brote“ betitelt.

Sie erinnert an den Altar einer russisch-orthodoxen Kirche, besteht aber aus 3D-Drucken von Schwarzbrot. Auf deren Texturen tummeln sich geisterhafte Fratzen. Direkt daneben: römische Totengefäße aus dem Archäologischen Museum der Stadt. Rund 2000 Jahre älter – und doch wirkt das Motiv erstaunlich vertraut.

„Sie haben die Form einer Urne – mit Gesichtern darauf: Nasen, Münder und so weiter. Es sind Gefäße, die für Asche gedacht waren. Und man fragt sich, ob das Gesicht tatsächlich denjenigen zeigt, dessen Überreste darin lagen. Auffällig ist: Sie lächeln.“ erklärt Kuratorin Estelle Pietrzy.

Keine berühmten Menschen

Vom mystischen Jenseits geht es weiter zum Lebensabend: Fotos und Gemälde von Greisen – mal zufrieden, mal melancholisch, mal voller Wehmut über die vergangene Jugend.

Und nach der Mitte des Lebens kommtschließlich: die rebellische Phase zwischen 15 und 20. Ein Alter, das für Energie und Neugier steht – aber auch für Wut, Trotz oder Gleichgültigkeit. Auch hier beobachtet Kuratorin Estelle Pietrzyk etwas Überraschendes:

„Manchmal liegen zwischen zwei Werken hundert Jahre oder mehr – und trotzdem ist die Pose am Ende dieselbe: wie ein Moment eingefangen wird, ein Blick, eine Haltung. Und etwas hat dieses Projekt auch motiviert: Wir zeigen bewusst nur Menschen, die nicht berühmt sind.“

Die Kindheit konfrontiert am Ende der Ausstellung

So blickt eine junge Frau auf dem Gemälde „Portrait de jeune fille“ des deutsch-französischen Künstlers Paul Bürck von 1933 schüchtern und verunsichert in den Raum. Gleich daneben: ein Foto des amerikanischen Künstlers Sam Samore aus dem Jahr 1990 – und man meint, exakt dieselbe Frau wiederzuerkennen. 

vue de l’exposition - Le temps retourné
Charles-David Winter: Portrait d'une fillette, ca. 1870.

Kontraste begegnen

Gegen Ende der Ausstellung werden Besuchende mit der Kindheit konfrontiert. Es ist die Zeit zwischen Fremdbestimmung und dem verträumten Kindsein. Eine Reihe mit Porträts zeigt diesen Kontrast. Es beginnt mit einem barocken Gemälde aus dem Musée de Beaux Arts, das einen blonden Jungen in prächtigem Gewand und fürstlicher Haltung zeigt.

Ein anderer Junge lehnt sich an eine Wand und kümmert sich weder um seine Haltung noch um seine gesellschaftliche Rangordnung. Er scheint einfach nur den Moment zu genießen. 

Keine Werksschau aus der Resterampe

„Le Temps retourné“ ist mehr als eine Werksschau aus der Resterampe der Museen. Es geht darum, für jede Lebensstation die richtigen Begegnungen zu schaffen – die passenden „Matches“ zwischen Objekten, Epochen und Blickwinkeln.

Arbeiten aus zehn Museen, darunter das Elsass-Museum oder auch das erst vor kurzem wiedereröffnete Zoologische Museum der Stadt, fügen sich dabei nahtlos in die Bestände des Museums für moderne Kunst ein.

Eine Ausstellung für alle, die das Mysterium Mensch besser verstehen wollen – und das mit Hilfe der Kunst.

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Lukas Fleischmann