Ka-Boom und Kopftuch für Genderpower

„No Place like Home“ – Italienische Fotografie ohne Italien-Klischees in Sindelfingen

Das Schauwerk Sindelfingen zeigt die größte Ausstellung zu italienischer Fotografie seit den 80er Jahren, die es je gab. Es geht um tiefe Blicke in Alltag und Realität eines Landes, das mehr zu bieten hat als Klischees von Zitronenblüte und Hochkultur.

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Von Autor/in Andreas Langen

Andrea Bottos Fotos – wahr oder gefakt?

Manchmal müssen die ganzen alten Steine einfach weg. In einem Land, wo an jeder zweiten Ecke zerbröselnde Barockkapellen stehen, wenn nicht gar antike Ruinen, kann bei zeitgenössischen Künstlern schon mal ein gewisser Wunsch nach explosiven Stoffen entstehen.

So wie bei dem Fotografen Andrea Botto aus Bergamo, der perfekt komponierte, sonnensatte Landschaftsfotografien macht – ein Traum von Urlaubsgegend, wären da nicht diese riesigen Rauch- und Staubwolken, offenbar verursacht von Sprengungen. Lakonischer Titel der Serie: „Ka-Boom“.

Andrea Botto, KA-BOOM, Rapallo, 2009
Andrea Botto, KA-BOOM, Rapallo, 2009. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen © Andrea Botto

„Ich war mir bei ihm nie sicher, ob das jetzt gefakt ist oder ob das wirklich reale Explosionen sind, die man auf diesen Bildern sieht“, sagt der Düsseldorfer Kurator Ralph Goertz.

Die Irritation: Was passiert auf dem Bild eigentlich?

Er hat die größte Übersichtsschau zur italienischen Fotografie seit den 1980er-Jahren konzipiert. Bottos Bilder der kontrollierten Zerstörung haben darin einen prominenten Platz – auch, weil sie das zentrale Geschehen buchstäblich vernebeln. 

 „Man sieht eigentlich nur diese Touristengruppe an einer Balustrade stehen, die aufgeregt und wirklich staunend auf Rauchschwaden guckt“, beschreibt Goertz das Bild von Botto. „Und wir wissen jetzt gar nicht: Wird dahinter jetzt irgendeine Brücke zerstört und gesprengt? Oder ist das vielleicht ein Feuerwerk, was dahinter stattfindet?“

Botto attackiert die mächtige Tradition der italienischen Kunstfotografie

Die Ironie geht noch weiter. In einem zweiten Part von „Ka-Boom“ verlässt Botto das Dokumentarische und zeigt inszenierte Schwarzweiß-Fotos, die wirken wie aus einer wissenschaftlichen Publikation: Gerätschaften, Material und Handgriffe der Sprengstoffkunde.

Andrea Botto, KA-BOOM. Blasting Practices, 2009–2015
Andrea Botto, KA-BOOM. Blasting Practices, 2009–2015. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen © Andrea Botto

Der Fotograf selbst posiert hier als staubtrockner „Master of Disaster“ im Laborkittel – und attackiert mit diesen doppelbödigen Selfies die mächtige Tradition der italienischen Kunstfotografie, die vor allem aus dokumentarischen Blicken auf Landschaften und Personen bestand.

 „Der Hintergedanke der ganzen Serie war, dass er die Konventionen der 80er-Jahre-Fotografie auch wegsprengen wollte; mit der alten Sichtweise auf Fotografie einfach mal abschließen und sagen, wofür das Medium heute geschaffen ist“, erklärt Goertz. „Das ist eher das Narrativ, das Erzählerische, aber auch das Inszenierte.“

Inszenierung sexueller Selbstbestimmung im Trachtenverein

Und in diesem Inszenierten ergeben sich Einblicke, die meilenweit entfernt sind von den Italo-Klischees, die notorische Touristen wie unsereins so mit sich herumtragen. Da wäre zum Beispiel der Beitrag von Nicola Lo Calzo. Der feiert die traditionelle Souveränität von sardischen Frauen, aber nicht mit gemütlicher Nostalgie.

Nicola Lo Calzo, Lisa, collettivo transtemminista Bruxas, 2024
Nicola Lo Calzo, Lisa, collettivo transtemminista Bruxas, 2024 Ogliastrinas, Arbatax. Serie : Brigantinas, 2024. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen © Nicola Lo Calzo

Lo Calzo zeigt die aktuelle Selbstinszenierung von Sardinnen, die es sogar im Trachtenverein hinbekommen, ein Statement für sexuelle Selbstbestimmung abzugeben.

„Das ist eine Performance-Gruppe, die bewusst diese Frauen von damals feiert“, erklärt Ralph Goertz. „Und man sieht auch schon jetzt, wenn man in die Gesichter schaut: die wollen dieses Selbstbewusstsein, das die Frauen vor über 100 Jahren hatten.“

Verbeugung vor den Großmeistern Guidi und Ghirri

Neben solchen Avantgarde-Positionen verbeugt sich die Ausstellung – immer geistig schön gelenkig bleiben! - auch vor den weltweit gepriesenen Großmeistern Guido Guidi und Luigi Ghirri. Deren Werk hat eine spezielle Blickweise hervorgebracht, die typisch ist für italienische Fotografie: Bildserien über alltägliche Orte, komponiert mit großem Feingefühl.

Luigi Ghirri, Marina di Ravenna, 1986
Luigi Ghirri, Marina di Ravenna, 1986, Paessagio Italiano,1980–1992. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen © Luigi Ghirri

Da gerät Kurator Ralph Goertz geradezu ins Schwärmen. „Der Umgang mit Farbe, gerade bei Luigi Ghirri, ist wirklich einmalig“, so der Kurator.

„Diese zarten Töne, als würde man so ein bisschen sanft über diese Gebäude streifen und immer einen anderen Fokus finden. Und diese Hinterfragung, diese Untersuchung der Orte, das ist wirklich eine der Hauptqualitäten der italienischen Fotografie, das ist wirklich eine der tollsten Dinge, die die Kunstszene in Italien erfunden hat.“

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Gabriele Basilico, Via Aristotele, 1979
Gabriele Basilico, Via Aristotele, 1979. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen Bild in Detailansicht öffnen
Michele Borzoni, Gioia Tauro plain, Rosarno, 2016
Michele Borzoni, Gioia Tauro plain, Rosarno, 2016, Workforce, 2014–2017. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen © Michele Borzoni Bild in Detailansicht öffnen
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Giulia Iacolutti, I don't care (about football), 2011. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen Bild in Detailansicht öffnen
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Marcello Galvani, Eggs and Asparagus, 2017, Eggs and Asparagus, 2008–2017. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen Bild in Detailansicht öffnen
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Ausstellungsansicht: No Place like Home- Italienische Fotografie seit den 1980er Jahren. Pressestelle Schauwerk Sindelfingen Bild in Detailansicht öffnen
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