Andrea Bottos Fotos – wahr oder gefakt?
Manchmal müssen die ganzen alten Steine einfach weg. In einem Land, wo an jeder zweiten Ecke zerbröselnde Barockkapellen stehen, wenn nicht gar antike Ruinen, kann bei zeitgenössischen Künstlern schon mal ein gewisser Wunsch nach explosiven Stoffen entstehen.
So wie bei dem Fotografen Andrea Botto aus Bergamo, der perfekt komponierte, sonnensatte Landschaftsfotografien macht – ein Traum von Urlaubsgegend, wären da nicht diese riesigen Rauch- und Staubwolken, offenbar verursacht von Sprengungen. Lakonischer Titel der Serie: „Ka-Boom“.
„Ich war mir bei ihm nie sicher, ob das jetzt gefakt ist oder ob das wirklich reale Explosionen sind, die man auf diesen Bildern sieht“, sagt der Düsseldorfer Kurator Ralph Goertz.
Die Irritation: Was passiert auf dem Bild eigentlich?
Er hat die größte Übersichtsschau zur italienischen Fotografie seit den 1980er-Jahren konzipiert. Bottos Bilder der kontrollierten Zerstörung haben darin einen prominenten Platz – auch, weil sie das zentrale Geschehen buchstäblich vernebeln.
„Man sieht eigentlich nur diese Touristengruppe an einer Balustrade stehen, die aufgeregt und wirklich staunend auf Rauchschwaden guckt“, beschreibt Goertz das Bild von Botto. „Und wir wissen jetzt gar nicht: Wird dahinter jetzt irgendeine Brücke zerstört und gesprengt? Oder ist das vielleicht ein Feuerwerk, was dahinter stattfindet?“
Botto attackiert die mächtige Tradition der italienischen Kunstfotografie
Die Ironie geht noch weiter. In einem zweiten Part von „Ka-Boom“ verlässt Botto das Dokumentarische und zeigt inszenierte Schwarzweiß-Fotos, die wirken wie aus einer wissenschaftlichen Publikation: Gerätschaften, Material und Handgriffe der Sprengstoffkunde.
Der Fotograf selbst posiert hier als staubtrockner „Master of Disaster“ im Laborkittel – und attackiert mit diesen doppelbödigen Selfies die mächtige Tradition der italienischen Kunstfotografie, die vor allem aus dokumentarischen Blicken auf Landschaften und Personen bestand.
„Der Hintergedanke der ganzen Serie war, dass er die Konventionen der 80er-Jahre-Fotografie auch wegsprengen wollte; mit der alten Sichtweise auf Fotografie einfach mal abschließen und sagen, wofür das Medium heute geschaffen ist“, erklärt Goertz. „Das ist eher das Narrativ, das Erzählerische, aber auch das Inszenierte.“
Inszenierung sexueller Selbstbestimmung im Trachtenverein
Und in diesem Inszenierten ergeben sich Einblicke, die meilenweit entfernt sind von den Italo-Klischees, die notorische Touristen wie unsereins so mit sich herumtragen. Da wäre zum Beispiel der Beitrag von Nicola Lo Calzo. Der feiert die traditionelle Souveränität von sardischen Frauen, aber nicht mit gemütlicher Nostalgie.
Lo Calzo zeigt die aktuelle Selbstinszenierung von Sardinnen, die es sogar im Trachtenverein hinbekommen, ein Statement für sexuelle Selbstbestimmung abzugeben.
„Das ist eine Performance-Gruppe, die bewusst diese Frauen von damals feiert“, erklärt Ralph Goertz. „Und man sieht auch schon jetzt, wenn man in die Gesichter schaut: die wollen dieses Selbstbewusstsein, das die Frauen vor über 100 Jahren hatten.“
Verbeugung vor den Großmeistern Guidi und Ghirri
Neben solchen Avantgarde-Positionen verbeugt sich die Ausstellung – immer geistig schön gelenkig bleiben! - auch vor den weltweit gepriesenen Großmeistern Guido Guidi und Luigi Ghirri. Deren Werk hat eine spezielle Blickweise hervorgebracht, die typisch ist für italienische Fotografie: Bildserien über alltägliche Orte, komponiert mit großem Feingefühl.
Da gerät Kurator Ralph Goertz geradezu ins Schwärmen. „Der Umgang mit Farbe, gerade bei Luigi Ghirri, ist wirklich einmalig“, so der Kurator.
„Diese zarten Töne, als würde man so ein bisschen sanft über diese Gebäude streifen und immer einen anderen Fokus finden. Und diese Hinterfragung, diese Untersuchung der Orte, das ist wirklich eine der Hauptqualitäten der italienischen Fotografie, das ist wirklich eine der tollsten Dinge, die die Kunstszene in Italien erfunden hat.“
Mehr Fotos aus der Ausstellung:
Ausstellung Tschernobyl 1986 – Bewegende Bilder einer Katastrophe in Ulm
40 Jahre nach dem Super-Gau: Tschernobyl – eine Fotoausstellung im Stadthaus Ulm zeigt, wie die Natur Räume zurückerobert und der Mensch selbst die größte Gefahr für die Umwelt ist.
Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim Ein ungeschönter Blick auf Namibia – Fotografien von Margaret Courtney-Clarke
Die international renommierte Fotografin bildet Menschen in ihrer Heimat ab, die durch Dürre, Korruption und Machtmissbrauch gezeichnet sind. Die Ausstellung „Geographies of Drought“ zeigt ihre Fotos.
Ausstellung im LVR-Museum Bonn „Schöne neue Arbeitswelt“: Wie sich die Industrialisierung in der Kunst spiegelt
Fließband, Schreibmaschine, Schornstein-Qualm: Die Industrialisierung krempelte den Arbeitsalltag der Menschen im 19. Jahrhundert komplett um. Die Ausstellung zeigt, wie die Kunst das Thema aufgegriffen hat.