Die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart verfügt über eine der größten und wichtigsten Bibelsammlung weltweit. Die Bibeln aus allen Teilen der Welt gehen in der Regel auf die Tätigkeit christlicher Missionare zurück, die oft als erste in Kontakt mit anderen Kulturen kamen.
Ausstellung „Gottes Wort für alle Welt!? Bibeln und Mission im kolonialen Kontext“
Missionierung und Kolonialismus wiederum haben eine gemeinsame Geschichte, wobei sich die Missionare ganz unterschiedlich im Rahmen der jeweiligen Kolonialmacht bewegt haben. Die Spannweite reicht von enger Kooperation bis zu offener Ablehnung.
Das versucht die Ausstellung „Gottes Wort für alle Welt!? Bibeln und Mission im kolonialen Kontext“ darzustellen, die in der Württembergischen Landesbibliothek zu sehen ist.
Beeindruckend ist allein die schiere Vielfalt unterschiedlichster Bibeln aus allen Kontinenten der Welt. Sie stellen einen Versuch der Missionare dar, die Lebensverhältnisse anderer Kulturen in der jeweiligen Bibelübersetzung lebendig werden zu lassen.
Christian Herrmann, Kurator und Leiter der Sondersammlungen in der Württembergischen Landesbibliothek, verweist auf eine 1629 gedruckte Ausgabe des Matthäus-Evangeliums auf Malayisch-Niederländisch. In der Übersetzung werde sich an die dortige Natur (im heutigen Indonesien) angepasst: Aus einem Wolf werde ein Tiger, aus einem Feigenbaum ein Bananenbaum.
Keine Begegnungen auf Augenhöhe
Erstaunlich sei auch, welche sprachliche Variationen das Wort „hoffen“ erfahren hat: Auf Berom, einer Landessprache im Westen Nigerias, bedeutet „hoffen“, „die Leber auf etwas auszurichten“. Auf Cerma, gesprochen in Burkina Faso, bedeutet es „den Speichel schlucken“.
Trotz dieser Anpassungsbemühungen aber wird klar: es sind keine Begegnungen auf Augenhöhe. Die weißen Missionare brachten europäische Kultur und Tradition in den letzten Winkel der Erde. Ihr Missionserfolg wurde unter anderem daran gemessen, ob sich die neuen indigenen Christen der europäischen Lebensart angepasst hatten.
Ein Foto in einem Bericht über die Brüdermission in der Kapkolonie von 1902 zeigt eine Gruppe verkleidet wirkender Männer und Frauen. Von den Missionaren wurde gefordert: Wer Christ wurde, musste sich nach europäischer Textiltradition kleiden, so Christian Herrmann. Das betraf auch die Architektur: „Eine Kirche musste so gebaut werden, wie sie in Europa aussieht.“.
Das „schwarze Heidenkind“ lernt deutsche Kirchenlieder
Das europäische Überlegenheitsgefühl äußert sich in vielen Details: in den Kinderbüchern der Missionsstationen zum Beispiel wird das „schwarze Heidenkind“ aus den Fängen eines bösen Räubers befreit und lernt deutsche Kirchenlieder.
Die blutige Begegnung zwischen den spanischen Eroberern und dem Inka-Herrscher Atahualpa in Peru illustriert ein Holzschnitt aus dem Jahr 1534, auf dem ausgerechnet eine Bibel zum Auslöser des Gemetzels wird. Und eine sehr besondere, zugleich traurige Kostbarkeit stellt die älteste Bibel Amerikas dar. Sie wurde 1663 von John Eliot übersetzt, ein Missionar in Neuengland.
„Er hatte die Vision, eine Art Lebensgemeinschaft mit dem indigenen Volk zu bilden. Als erstes hat er die Bibel komplett übersetzt. Den indigenen Stamm gibt es heute nicht mehr – es gibt nur noch das Schriftzeugnis über ihn.“ Der Bundesstaat Massachusetts ist nach dem Stamm benannt. Seine Angehörigen kamen durch Krankheiten, Gewalt und Vermischung ums Leben.
Historisch heikles Terrain
Die Ausstellung in der Württembergischen Landesbibliothek ist ohne Zweifel beeindruckend, sie offenbart zugleich aber auch ein Dilemma: Sie will ihre kostbaren Bibelschätze zeigen und begibt sich mit den für die Mission entstandenen Übersetzungen zwangsläufig auf ein historisch heikles Terrain.
Die Verbindungslinien zwischen missionarischem Sendungsbewusstsein, kolonialem Gebaren und Eurozentrismus werden zwar durchaus skizziert. Zugleich wird Mission per se als etwas Positives, Bereicherndes gesetzt. Eine Sicht, die heute so einfach nicht mehr zu verkaufen ist.
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