Sisyphos-artiger Kampf gegen den Antisemitismus
Der Kampf gegen Antisemitismus fühlt sich manchmal an, als würde Sisyphos Pate stehen: Immer dieselbe Mühe, und nie wird man fertig. So ähnlich empfindet es eine jüdische Kuratorin am Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart.
„Antisemitismus war einfach schon immer da, mal mehr, mal weniger. Aktuell haben wir jetzt, befeuert durch den Gaza-Israel-Konflikt, das gerade wieder sehr aufgekocht“, sagt die junge Kulturwissenschaftlerin, die ihren Namen lieber nicht im Radio hören möchte – bloß keine unnötige Angriffsfläche bieten für dumpfen Hass.
Aus dem gleichen Grund hat das Haus der Geschichte auf eine öffentliche Vernissage verzichtet. Dabei sollte gerade solch eine staatliche Institution doch unerschrocken Flagge zeigen gegen Antisemitismus.
Immerhin: Judenhass ist heute weniger salonfähig als vor 150 Jahren
Zumal die Ausstellung ja auch zeigt, dass Judenhass heute weniger salonfähig ist als vor 150 Jahren, erläutert Franziska Dunkel, ebenfalls Kuratorin am Haus der Geschichte: „Im Kaiserreich, in einer Zeit, in der die Juden die rechtliche Gleichstellung erreicht hatten, wird der Antisemitismus zur politischen Partei.
Es gibt eine Partei, die nennt sich „Die Antisemiten“. Der Begriff Antisemitismus ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die darauf stolz sind, Juden und Jüdinnen zu hassen.“
Antisemitismus bedroht die Demokratie
Das zumindest ist vorbei, außer bei völlig verbohrten Rassisten. Doch grundsätzlich hat Judenfeindlichkeit nach wie vor ein bedrohliches Potential, betont Franziska Dunkel: „Antisemitismus bedroht uns alle, bedroht die Demokratie. Es ist kein jüdisches Problem. Im Gegenteil, eigentlich ist es unser Problem.“
Daher hat das Haus der Geschichte seine Dauerausstellung im Hinblick auf Antisemitismus durchleuchten lassen, von jüdischen Profis aus Wissenschaft, Bildung und Kultur. Nun schärfen neue Hinweise den Blick auf antisemitisches Denken und Handeln, das tief im deutschen Alltag verwurzelt ist.
Missernten durch Vulkanausbruch – viele gaben den Juden die Schuld
Es beginnt mit einem Relief aus dem Jahr 1816, als in Europa Zehntausende nach Missernten wegen Dauerregen und Kälte verhungerten. Ursache war die Aschewolke eines indonesischen Vulkans.
Das Relief und der sogenannte Volksmund aber machten wen wohl verantwortlich? „Die Kornjuden, die Getreide horten, um es dann zu überhöhten Preisen zu verkaufen und so noch zu verdienen an der Not und dem Leid von anderen Menschen“, erklärt Franziska Dunkel.
Für Antisemitismus heute reichen politische Feindbilder
Heutiger Antisemitismus braucht oft nicht mal mehr solcherlei faktenfreien Unsinn, ihm reichen politische Feindbilder. Das erlebt die jüdische Kuratorin, seit sie zufällig in Israel war, als die Hamas das Land überfiel. Nach traumatischen Tagen bekam sie einen Flug zurück nach Deutschland.
Ihr Umfeld habe dann erwartet, dass sie wieder funktioniere, auch, dass sie sich gegen Israel positioniert. „Ich habe viele Freundschaften verloren, wenig Solidarität erfahren, wenig Verständnis für mich und meine Situation, sehr wenig Empathie“, sagt sie. In Stuttgart versteckt sie oft den Davidstern an ihrer Halskette – in der Bahn, im Fitness-Studio, in der Kneipe.
Dänemark sorgte zur Zeit der Nazi-Besetzung für seine jüdischen Mitbürger
Die Ausstellung, an der sie mitgearbeitet hat, will indessen Mut machen zum Widerstand gegen Antisemitismus, selbst unter schwierigsten Umständen. Das von den Nazis besetzte Dänemark etwa evakuierte seine jüdischen Mitbürger und hielt deren leerstehende Wohnungen intakt, sogar die Blumen wurden gegossen.
„Dass sie von Anfang an gesagt haben: ‚Wir laufen nicht diesen Nazi-Parolen nach, sondern wir stellen unsere demokratischen Werte dagegen‘, sagt Kuratorin Franziska Dunkel, „da können wir auch für heute was lernen, denke ich.“
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