Groteskes Ambiente und reale Deals auf Waffenmessen
Der Dokumentarfotograf Nikita Teryoshin hatte schon immer ein Auge fürs Groteske. Doch er ahnte nicht, auf welchen unerschöpflichen Schauplatz des Absurden er stoßen würde, als er vor knapp zehn Jahren begann, Militär- und Rüstungsmessen zu fotografieren.
„Als erstes bin ich auf einem Empfang von French Helicopters gelandet, von Airbus. Wo es dann noch vor zwölf Uhr mittags Sekt, Wein, tolle Häppchen gab – Feigen, Parmesan, Weintrauben und kleine Häppchen – und eben auch diese Kampfhubschrauber. Ich kam mir vor wie in einem schlechten Hollywoodfilm“, erinnert sich Teryoshin.
Männer in seidig glänzenden Anzügen räumen Panzerfäuste auf, kriechen unter Truppentransporter oder naschen vom Büffet neben nagelneuen Kanonen. Selbst Kurioses wie eine Badeente auf einem Panzer oder ein Schnaps-Glas in Form eines Panzers landen in Teryoshins Fotos.
Von „See first, Kill first“ zu „Keeping people safe“: Rüstungswerbung im Wandel
Auch die Werbeslogans der Firmen zeigen einen Wandel: „Saab, also die Firma, die die schönen Autos mal gebaut hatte, jetzt bauen die ja nur noch die Kampfjets, deren Slogan war mal: ‚See first, Kill first‘“, so Teryoshin. Heute wirbt Saab politisch korrekt mit „Keeping people and society safe“. Rheinmetall tauschte „Next Generation Lethality“ gegen „Taking Responsibility in a Changing World“.
Doch selbst weichgespülte Botschaften ändern nichts am Kern: töten, um zu siegen. Kuratorin Daniela Baumann verdeutlicht: „Wenn man dann liest, es handelt sich um eine 2.000 Pfund Bombe, die einen tödlichen Radius von 180 Metern hat; wir haben hier nebenan den Münsterplatz, der misst 60 Meter.“
Schwarzer Humor als Schutz
Teryoshin ist sich der Paradoxien bewusst. Nach Putins Überfall auf die Ukraine verbrannte er öffentlich seinen russischen Pass. Gleichzeitig beobachtet er:
Natürlich muss man sich verteidigen können. Aber wenn man bedenkt, dass die Konzerne an der Börse sind und viele Menschen in Waffen investieren, läuft ein perverses Spiel – und so sind weder Unternehmen noch Anleger wirklich daran interessiert, dass der Krieg endet.
Der Fotograf begegnet dem Grauen mit Ironie: „Humor ist der Weg, um nicht verrückt zu werden, um mit diesem Thema umgehen zu können.“