Die in Baden-Baden lebende Künstlerin Simone Demandt blickt auf eine beeindruckende Karriere zurück. Nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste und der Universität Stuttgart ist sie seit fast 30 Jahren als freie Fotografin tätig und leitet zudem den Künstlerbund Baden-Württemberg.
Ihr Werk zeichnet sich durch ein breites Spektrum aus, das von dokumentarischen Serien bis hin zu abstrakten Formen reicht. Dabei geht es der gebürtigen Dortmunderin stets darum, die Spuren der Zeit zu visualisieren und Welten zu zeigen, die für Außenstehende meist verschlossen bleiben.
Eine Auswahl an spannenden Fotoprojekten von Simone Demandt:
Das anonyme Leben auf Achse: „Movers“
In ihrer Serie „Movers“ widmet sich Simone Demandt einem Berufsstand, der für unser Wirtschaftssystem essenziell ist, gesellschaftlich aber oft am Rand steht: den Fernfahrerinnen und Fernfahrern. Fünf Jahre lang begleitete sie Menschen in ihrem anonymen Alltag auf Autobahnen und Rastplätzen – Orte, an denen sie nicht nur arbeiten, sondern auch kochen und schlafen.
Die Künstlerin thematisiert dabei auch die Schattenseiten dieses Lebens, wie die Anfeindungen, denen Fahrer ausgesetzt sind, oder die harten Zollkontrollen. Durch lebensgroße Porträtaufnahmen gibt sie den oft unsichtbaren Akteuren der Straße ein Gesicht und rückt ihre Lebensrealität unmittelbar in das Blickfeld der Betrachter.
Der Fotoband zu „Movers“ war auf der Shortlist für das schönste Fotobuch 2025.
„Freude am Leben“: Ein Blick hinter das Garagentor
Mit der Serie „Freude am Leben“ erkundet Simone Demandt einen sehr privaten, fast schon intimen Raum: die deutsche Garage. Der Clou dabei: Auf ihren Bildern fehlt das Auto. Stattdessen werden die Garagen zu „emotionalen Notfallräumen“, in denen Männer Dinge aufbewahren, die im wohnlichen Teil des Hauses keinen Platz finden.
Es sind Orte der Kreativität und des Provisoriums, in denen geschraubt, gesammelt und gestapelt wird. Demandt, die oft mit dem Fahrrad auf die Pirsch ging, um Besitzer bei offenem Tor anzusprechen, zeigt diese Räume als Porträts ihrer Eigentümer. Jede Anordnung von Spazierstöcken oder Transportkisten verrät dabei erstaunlich viel über die Menschen, die diesen Raum gestalten.
Vom Küchengerät zum Beweisstück: „Instrumenta sceleris“
In Farbe und trotzdem düster kommt das Projekt „Instrumenta sceleris“ daher. Hier fotografiert Demandt Alltagsgegenstände, die eine kriminelle Vergangenheit haben. Ob eine Bratpfanne, ein Nudelholz oder ein Telefonkabel – in den Asservatenkammern der Staatsanwaltschaften fand sie Objekte, die aus ihrem harmlosen Kontext gerissen und zu Tatwerkzeugen wurden.
Demandt präsentiert diese Stücke fast museal in weißen Boxen. Da sie aus Datenschutzgründen selbst nicht weiß, welches spezifische Verbrechen mit dem jeweiligen Objekt verknüpft ist, überlässt sie die Geschichte dahinter komplett der Fantasie des Publikums. Der Schrecken entsteht hier allein im Kopf der Betrachtenden.
„Heritage Pierre Boulez“: Die Architektur eines Genies
In „Heritage Pierre Boulez“ schlägt Demandt leisere, fast ehrfürchtige Töne an. Sie dokumentierte den Nachlass des großen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez in dessen Wohnhaus in Baden-Baden.
Anstatt ein klassisches Porträt eines Verstorbenen zu zeichnen, porträtiert sie dessen geistiges Erbe durch seine Umgebung. Wir sehen Partituren, Bücherregale, Schreibutensilien und die spezifische Lichtstimmung seiner Arbeitsräume. Die Bilder lassen den Betrachter die intellektuelle Dichte und die Disziplin spüren, die Boulez' Leben prägten. Eine fotografische Hommage.
Selbst fühlen und denken ist angesagt
Simone Demandts Fotokunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie das vermeintlich Banale in rätselhafte Geschichten verwandelt. Ihre Arbeiten fungieren als subtile Anspielungen und fordern eine aktive Auseinandersetzung. Zur Belohnung gibt es ganz besondere Einblicke.
Noch mehr Einblicke in ihre Arbeiten gibt es auch in einer halbstündigen SWR-Doku, die jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen ist:
Ich sehe was, was Du nicht siehst - Die Fotokünstlerin Simone Demandt