Fotokünstlerin aus Baden-Baden

Asservate, Trucker und Garagen: Die spannenden Fotoprojekte von Simone Demandt

Von Fernfahrern bis zu Tatwaffen: Simone Demandt fotografiert, was andere oft übersehen, und regt damit die Fantasie an. In einer Doku wird sie jetzt selbst zum Motiv.

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Von Autor/in David Kirchgeßner

Die in Baden-Baden lebende Künstlerin Simone Demandt blickt auf eine beeindruckende Karriere zurück. Nach ihrem Studium an der Akademie der Bildenden Künste und der Universität Stuttgart ist sie seit fast 30 Jahren als freie Fotografin tätig und leitet zudem den Künstlerbund Baden-Württemberg.

Ihr Werk zeichnet sich durch ein breites Spektrum aus, das von dokumentarischen Serien bis hin zu abstrakten Formen reicht. Dabei geht es der gebürtigen Dortmunderin stets darum, die Spuren der Zeit zu visualisieren und Welten zu zeigen, die für Außenstehende meist verschlossen bleiben.

Eine Auswahl an spannenden Fotoprojekten von Simone Demandt:

Das anonyme Leben auf Achse: „Movers“

Ein Bild aus der Ausstellung Movers von Simone Demandt
Die Route des abgebildeten Fernfahrers wird zum Bildtitel. In diesem Fall: "Rzeszow (PL) - Barcelona (E)", 2017 Pressestelle Simone Demandt, VG Bild-Kunst Bonn 2024

In ihrer Serie „Movers“ widmet sich Simone Demandt einem Berufsstand, der für unser Wirtschaftssystem essenziell ist, gesellschaftlich aber oft am Rand steht: den Fernfahrerinnen und Fernfahrern. Fünf Jahre lang begleitete sie Menschen in ihrem anonymen Alltag auf Autobahnen und Rastplätzen – Orte, an denen sie nicht nur arbeiten, sondern auch kochen und schlafen.

Simone Demandt: Aufnahme einer Fernfahrerin
Auch weiblicke Fernfahrerinnen hat Simone Demandt für ihre Fotoserie abgelichtet. Diese Truckerin war unterwegs nach Bilbao. Simone Demandt, VG Bild-Kunst Bonn

Die Künstlerin thematisiert dabei auch die Schattenseiten dieses Lebens, wie die Anfeindungen, denen Fahrer ausgesetzt sind, oder die harten Zollkontrollen. Durch lebensgroße Porträtaufnahmen gibt sie den oft unsichtbaren Akteuren der Straße ein Gesicht und rückt ihre Lebensrealität unmittelbar in das Blickfeld der Betrachter.

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Der Fotoband zu „Movers“ war auf der Shortlist für das schönste Fotobuch 2025.

„Freude am Leben“: Ein Blick hinter das Garagentor

Die Fotografien von Simone Demandt sind ausdrucksstark
Welche Geschichten erzählt diese Garage? Simone Demandt

Mit der Serie „Freude am Leben“ erkundet Simone Demandt einen sehr privaten, fast schon intimen Raum: die deutsche Garage. Der Clou dabei: Auf ihren Bildern fehlt das Auto. Stattdessen werden die Garagen zu „emotionalen Notfallräumen“, in denen Männer Dinge aufbewahren, die im wohnlichen Teil des Hauses keinen Platz finden.

Die Fotografien von Simone Demandt sind ausdrucksstark
Mit dem Fahrrad ging Simone Demandt auf die Pirsch, um Männer vor offenen Garagen anzusprechen. Solche Bilder kamen dabei raus. Simone Demandt

Es sind Orte der Kreativität und des Provisoriums, in denen geschraubt, gesammelt und gestapelt wird. Demandt, die oft mit dem Fahrrad auf die Pirsch ging, um Besitzer bei offenem Tor anzusprechen, zeigt diese Räume als Porträts ihrer Eigentümer. Jede Anordnung von Spazierstöcken oder Transportkisten verrät dabei erstaunlich viel über die Menschen, die diesen Raum gestalten.

Vom Küchengerät zum Beweisstück: „Instrumenta sceleris“

Fotokunst von Simone Demandt: Dartpfeile als Tatwerkzeug
Fotokunst von Simone Demandt: Dartpfeile als Tatwerkzeug Simone Demandt, VG Bild-Kunst Bonn

In Farbe und trotzdem düster kommt das Projekt „Instrumenta sceleris“ daher. Hier fotografiert Demandt Alltagsgegenstände, die eine kriminelle Vergangenheit haben. Ob eine Bratpfanne, ein Nudelholz oder ein Telefonkabel – in den Asservatenkammern der Staatsanwaltschaften fand sie Objekte, die aus ihrem harmlosen Kontext gerissen und zu Tatwerkzeugen wurden.

Fotokunst von Simone Demandt: Bratpfanne als Tatwerkzeug
Fotokunst von Simone Demandt: Bratpfanne als Tatwerkzeug Simone Demandt, VG Bild-Kunst Bonn

Demandt präsentiert diese Stücke fast museal in weißen Boxen. Da sie aus Datenschutzgründen selbst nicht weiß, welches spezifische Verbrechen mit dem jeweiligen Objekt verknüpft ist, überlässt sie die Geschichte dahinter komplett der Fantasie des Publikums. Der Schrecken entsteht hier allein im Kopf der Betrachtenden.

„Heritage Pierre Boulez“: Die Architektur eines Genies

Ausstellung: Pierre Boulez - ein fotografisches Portrait seiner Räume
Fotografien aus den Wohn- und Arbeitsräumen von Pierre Boulez (1925–2016) in Baden-Baden Pressestelle ©VG Bild-Kunst 2025

In „Heritage Pierre Boulez“ schlägt Demandt leisere, fast ehrfürchtige Töne an. Sie dokumentierte den Nachlass des großen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez in dessen Wohnhaus in Baden-Baden.

Anstatt ein klassisches Porträt eines Verstorbenen zu zeichnen, porträtiert sie dessen geistiges Erbe durch seine Umgebung. Wir sehen Partituren, Bücherregale, Schreibutensilien und die spezifische Lichtstimmung seiner Arbeitsräume. Die Bilder lassen den Betrachter die intellektuelle Dichte und die Disziplin spüren, die Boulez' Leben prägten. Eine fotografische Hommage.

Simone Demandt in ihrem Fotoatelier während der Dreharbeiten für eine SWR-Doku über ihre Arbeit.
Simone Demandt in ihrem Fotoatelier während der Dreharbeiten für eine SWR-Doku über ihre Arbeit. SWR

Selbst fühlen und denken ist angesagt

Simone Demandts Fotokunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie das vermeintlich Banale in rätselhafte Geschichten verwandelt. Ihre Arbeiten fungieren als subtile Anspielungen und fordern eine aktive Auseinandersetzung. Zur Belohnung gibt es ganz besondere Einblicke.

Noch mehr Einblicke in ihre Arbeiten gibt es auch in einer halbstündigen SWR-Doku, die jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen ist:

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