Mit den ersten Kindern kam die Kitagründung
Der Fotograf Uli Reinhardt arbeitet seit Mitte der 1970er-Jahre für nationale und internationale Medien. Er hat in Afrika, Afghanistan und auf dem Balkan den Krieg gesehen und in Deutschland den Terror der RAF. Heute betreut er Kollegen, die in Krisengebieten arbeiten.
Doch um ihn zu sprechen, muss man erst mal warten, bis er mit dem Kochen für den Kindergarten fertig ist. „Heute habe ich Reis mit Gemüse gemacht und vorneweg einen Tomatensalat mit bestem Balsamico. Da lecken die den Teller ab“, erzählt Uli Reinhardt an einem sonnigen Spätherbstmittag in Weinstadt-Endersbach.
Praktische Solidarität in der Reporter-Agentur
Hier im Remstal ist der Kindergarten „Zeitenspiel“ zuhause, ein Ableger der Reporter-Agentur „Zeitenspiegel“, die Uli Reinhard vor 40 Jahren mitgegründet hat. Dass Journalisten eine Kita betreiben, findet er kurios, aber pragmatisch.
„Das war reine Notwendigkeit, weil zeitgleich sechs Mitglieder Kinder bekommen haben“, sagt Reinhard. „Wenn diese Personen plötzlich zwei Jahre weg sind, dann sind die raus aus dem Geschäft.“
Über die Löhne gemeinsam entscheiden
Um ein solches Loch im sozialen Netz zu stopfen, war die Gründung der Kita nur eine weitere Variante praktischer Solidarität – die schon immer das Fundament von Zeitenspiegel ist. In den allerersten Jahren warfen Reinhardt und Mitstreiter einfach alle Honorare in einen Topf und zahlten sich ihre Gewinne zu gleichen Teilen aus.
Mittlerweile gibt es ein festes Grundgehalt, und alles darüber hinaus ist immer noch sehr speziell geregelt. „Einmal im Jahr schauen wir uns die Zahlen an: Wie viel hat jeder verdient, was brauche ich zum Leben, wie viel kann ich der Gemeinschaft geben. Und dann stimmen alle ab“, sagt Zeitenspiegel-Geschäftsführerin Rike Uhlenkamp.
Viel Spott an den „Hippies aus dem Süden“
Das funktioniert ohne großes Gezerre, und ist nach wie vor gefragt. Zeitenspiegel wächst. Derzeit leben und arbeiten rund 80 Prozent der 21 Mitglieder mit diesem Solidar-Modell, die jüngste ist gerade einmal 26 und der Agenturgemeinschaft erst vor kurzem beigetreten.
Aber natürlich kennt Rike Uhlenkamp auch Hohn und Spott. „Die Hippies aus dem Süden, oder?“ Für viele sei es unvorstellbar, dass einige weitaus mehr Geld verdienen könnten, würden sie alles für sich behalten. „Das ist im Journalismus nicht so verbreitet.“
Wie begegnet Uli Reinhardt der Häme? „Indem ich mir an der Qualität der Arbeit nichts zu schulden kommen lasse. Die muss stimmen, die muss top sein.“
Stipendien und ein Schülerwettbewerb
Zeitenspiegel geht weit über normalen Qualitätsjournalismus hinaus. Die kleine Agentur gibt selbst ein Magazin heraus, Titel: Mut. Konzept: nicht nur Probleme, sondern auch deren Lösungen zeigen. Daneben realisiert die Reportergemeinschaft jährlich den Hansel-Mieth-Preis für gesellschaftlich relevante Reportagen in Text und Bild.
Außerdem bietet sie Stipendien für Reportage-Ideen, und – Uli Reinhardts persönliches Favoriten-Projekt – einen Schülerwettbewerb in Südtirol. „Da beschäftigen sich junge Erwachsene mit ihrer Heimat, lernen dabei, wie Journalismus funktioniert, wie man wahr und unwahr unterscheidet.“
Zeitenspiegel ist gelebte Utopie im Journalismus
Ein Vierteljahr lang arbeiten die jungen Leute an ihren Reportagen, bekommen währenddessen fünf Mal Input durch Workshops mit erfahrenen Zeitenspieglern. Den Gewinnern winken 1.000 Euro und und vor allem ein Praktikum beim „Stern“ in Hamburg. „Ein Schüler hat mal im gedruckten Stern sechs Doppelseiten gekriegt mit einer Reportage, die er selber fotografiert und geschrieben hat“, sagt Reinhardt.
Zeitenspiegel, diese gelebte Utopie von gutem Journalismus und besserem Miteinander, würde seine Schülerförderung gerne ausdehnen von Hamburg und Südtirol aufs Heimatländle – also dann: Hallo Kultusministerium in Stuttgart, bitte übernehmen!