Jean Tinguely, Yves Klein, Niki de Saint Phalle

„Radikal. Real.“ – Kunsthalle Mannheim zeigt Werke des Nouveau Réalisme

Konsumwahn, Umweltkrise, Emanzipation: Die Kunsthalle Mannheim zeigt, wie der Nouveau Réalisme der 1960er-Jahre Realität zum Material machte – und Kunst radikal politisch dachte.

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Von Autor/in Marie-Dominique Wetzel

„Wie hältst du’s mit der Realität?“ – diese Frage haben sich Künstlerinnen und Künstler immer wieder gestellt und stets neu beantwortet. Um 1960 beschäftigten sich Kunstschaffende verschiedener Länder intensiv mit der Wirklichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg: mit dem Wiederaufschwung, dem Konsumwahn, den Großstädten und auch mit den Emanzipationsbestrebungen der Frauen.

In Paris kam eine Künstlergruppe zusammen, die sich „Nouveaux Réalistes“, also „neue Realisten“ nannte – darunter berühmte Namen wie Christo, Yves Klein, Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Die Kunsthalle Mannheim widmet dieser Kunstströmung mit „Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“ nun eine große Ausstellung mit rund 150 Werken, darunter einige aus der hauseigenen Sammlung.

Künstler*innen des „Nouveau Réalisme“

Von der Nachkriegszeit bis in die frühen 1970er-Jahre beschäftigten sich viele Künstler*innen in Europa, Lateinamerika und den USA mit dem Potenzial des gefundenen Objekts als künstlerischem Material. Durch die direkte Auseinandersetzung mit der Realität entwickelten sie neue, oft radikale Ausdrucksformen.

Ihre Themen reichten von Fragen nach Körper und Identität bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit Industriegesellschaft und Umweltzerstörung. Sie holten die Realität ins Museum, indem sie Plakatwände von der Straße ins Museum schleppten, ganze Autowracks wie Tafelbilder an die Wand hängten und die Inhalte von Mülleimern in Plexiglas-Behältern ausstellten.

Kuenstlerpaar Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely, 1980
Das Künstlerpaar Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely im Jahr 1980. KEYSTONE | STR

Was gilt als Kunstwerk?

Die Künstlerinnen und Künstler des „Nouveau Réalisme“ loteten damit neu aus, was als Kunstwerk gilt. „Wir sehen hier eine radikale Erweiterung des Kunstbegriffs“, erklärt die Kuratorin Luisa Heese. Es ginge dabei vor allem um die Entscheidung, etwas als Kunst zu bezeichnen, wie Marcel Duchamp es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts vormachte. „Die Frage der Autorschaft des Künstlers und der Künstlerin wurde neu gestellt.“

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Die neuen Realisten brachten die Kunst in den öffentlichen Raum – wie der berühmte Verpackungskünstler Christo, der 1961 in Paris eine Straßenbarrikade aus Hunderten von Ölfässern stapelte. So entstand eine neue Form von Skulptur und Aktionskunst, sagt der Kunsthistoriker Stefano Agresti, die auf damalige politische Realitäten anspiele. In diesem Fall auf den Eisernen Vorhang oder die Berliner Mauer.

Ausgehend von herausragenden Werken aus der Sammlung der Kunsthalle Mannheim – mit Hauptwerken von Arman, César, Yves Klein, Mimmo Rotella, Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle und Jacques de la Villeglé – verfolgt die Ausstellung die künstlerischen Entwicklungen des Nouveau Réalisme.

Das Bild zeigt Niki de Saint Phalle mit dem Gewehr im Anschlag
Die Pariser Künstlerin Niki de Saint Phalle tritt am 8.2.1963 in München auf und vollendet ihr neuestes Bild durch Schüsse aus einem Kleinkalibergewehr auf Farbbeutel. Gerhard Rauchwetter

Nicht selten steckt auch eine gewisse Wut in diesen Werken – besonders bei der einzigen Künstlerin in der Gruppe der „Nouveaux Réalistes“, Niki de Saint Phalle, die auch mal mit scharfer Munition auf ihre Bilder schoss.

Interessante Wieder-Entdeckungen der Ausstellung sind ihre Künstlerkolleginnen Alina Szapocznikow und Feliza Bursztyn, die es Kuratorin Luisa Heese besonders angetan hat. Feliza Bursztyn sei leider zu großen Teilen in Vergessenheit geraten, die Mannheimer Kunsthalle wolle ihr daher einen großen Platz in der Ausstellung einräumen.

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Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Marie-Dominique Wetzel
Onlinefassung
Caroline O. Jebens