Zehn holzkistenartige Objekte in einem ansonsten fast leeren Raum
Betritt man den hohen, lichtdurchfluteten Raum des Heidelberger Kunstvereins, konzentriert sich der Blick unweigerlich – weil der Raum ansonsten nahezu leer ist – auf die zehn Skulpturen, die Rhea Dillon eigens für die Ausstellung geschaffen hat.
Die holzkistenartigen Objekte – knapp einen Meter hoch und ca. 1,25 Meter breit, lehnen an den Wänden. Zwei liegen auf dem Boden in der Mitte des Ausstellungsraumes. Die Künstlerin hat jeweils links unten in die Holzboxen eine Zeichnung auf Papier gelegt. Mit verschiedenfarbigen Ölstiften hat Dillon darauf je ein Pik-Ass gezeichnet.
Pi-Asse als Symbole für Rassismus
Mit einem Kartenspiel hat das allerdings nichts zu tun, erklärt Kurator Sören Grammel: „Die Pik-Asse heißen ja im Britischen ‚Spades‘ – das bedeutet auch ‚Spaten‘. Und ‚Spade‘ war in Großbritannien ab den 1940er-, 50er-Jahren ein rassistischer, herabwürdigender Begriff für Schwarze Menschen – insbesondere für Angehörige der sogenannten Windrush Generation, die zwischen den 50er- und 70er-Jahren aus der Karibik kamen.“
Rhea Dillon, 1996 in London geboren, ist selbst Nachfahrin dieser Windrush-Generation. Der Begriff geht auf das Schiff „Empire Windrush“ zurück, mit dem 1948 die ersten Menschen aus der Karibik nach Großbritannien übergesetzt wurden. Viele wurden gezielt angeworben, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen.
Ein ursprünglich verletzender Begriff wird umgewandelt
Die erste Generation und ihre Nachkommen haben in der britischen Gesellschaft wortwörtlich Spuren hinterlassen – ihr Leben dagegen ist bis heute von anhaltendem und strukturellem Rassismus geprägt.
„Dillon erkennt in diesem Symbol eine koloniale Aufladung, erklärt Grammel, „und bearbeitet sie kritisch durch Wiederholung und Variation. So gibt sie jedem ‚Spade‘ eine neue Würde. Der ursprünglich verletzende Begriff wird umgewandelt: vom Angriff zum Schutzschild.“
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Pressestelle Heidelberger Kunstverein -
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Pressestelle Heidelberger Kunstverein
Mit dieser Holzart wurden einst die Schiffe der Versklavung gebaut
Auch das Material der Skulpturen ist nicht zufällig gewählt. Dillon arbeitet mit Sapeli-Mahagoni – einem kostbaren Hartholz aus dem tropischen Afrika. Aus diesem Holz wurden einst Schiffe gebaut, die nicht nur geraubte Rohstoffe aus den Kolonien transportierten, sondern auch Menschen in die Versklavung in Großbritannien verschleppten.
Dillons Ausstellung im Heidelberger Kunstverein kann als Verdichtung eines politischen Diskurses gewertet werden. Als Aktivistin versteht sie sich aber nicht, sagt sie: „Ja, ich möchte mit meiner Kunst etwas erreichen. Aber ich bin nicht so naiv zu glauben, dass Kunst allein Missstände beheben kann. Ich will Bewusstsein schaffen und Denkprozesse anstoßen.“
Dillons Werke thematisieren Kolonialgeschichte und schwarze Identität
Dieser Anspruch zeigt sich schon im Titel der Ausstellung: „Gestural Poethics“ – Eine Poetik des Gestischen – wobei Dillon auch eine Ethik des Gestischen meint. Die Künstlerin selbst spricht explizit von einer „ästhetischen Verweigerung“: Ihre Werke thematisieren Kolonialgeschichte und schwarze Identität – aber nicht durch laute Anklage, sondern durch subtile, mehrdeutige Gesten.
Sie verwendet bewusst den Begriff Opazität (Unschärfe, Undurchsichtigkeit) – ein Konzept des karibischen Philosophen Édouard Glissant. Damit betont sie das Recht auf Nicht-Erklärbarkeit. Ihre Kunst muss nicht verstanden werden – sie darf Fragen aufwerfen, Widersprüche enthalten, sich dem weißen Blick entziehen.
„Gestural Poethics“ ist ein poetisches Manifest – leise, aber entschieden. Eine Einladung, das eigene Sehen zu hinterfragen.
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