Eine zeitlose Oper
Der Barock ist längst ein zeitloser Stil geworden: der Faltenwurf, das Ornament, die sinnliche Lust an Form und Farbe, die Bilderflut, aber auch die Idee der Vanitas, der Nichtigkeit allen Daseins. Für Regisseur Johannes Erath ist dies in seiner Inszenierung von Georg Friedrich Händels „Alcina“ an der Oper Frankfurt zum Prinzip einer Oper aus dem Zeitalter des Barocks geworden. Aber eben zeitlos gültig.
Hier gibt es im brillanten Bühnenbild von Kaspar Glanert nichts historisch Rekonstruiertes, sondern ein neobarockes, hermetisch in sich abgeschlossenes Appartement, ganz gehalten in nerdigem Schwarz, als sei dessen Bewohnerin eine Vertreterin des dekadenten Dandykults. In der Tat verführt Alcina die sich in ihre Wohnsituation Verirrenden mit den blühendsten Oberflächen extravaganter Kostüme.
Wie ein Totem dräut im Hintergrund die Hülle eines vogelartigen Totengewandes auf einer gesichtslosen Kleiderpuppe. In solche und nicht in Steine (wie im Original) hat Alcina ihre fallengelassenen Liebhaber verwandelt. Diese Statisten sind hier keineswegs Nebensache, sondern sich ständig magisch Verwandelnde.
Der Gesang überzeugt
Der Geschlechtertausch von Bradamante, die als Mann in Anzug und mit Fliege ihren Geliebten Ruggiero, der Alcina verfallen ist, aus den Fängen der Magierin befreien will, ist dabei nicht nur eine Frage des barocken Hüllenprinzips, sondern ein kongeniales Bild zur musikalischen Umsetzung.
Denn den hübschen Prachtkerl Ruggiero mit wallendem Lockenhaar singt Elmar Hauser als Countertenor mit einer wunderbar samtigen Sopranstimme, die ihn dem Femininen angleicht. Sein ideales Pendant ist Katharina Magieras Bradamante mit einem ans Maskuline heranreichenden dunklen Mezzosopran.
Dazwischen die fabelhafte Alcina von Monika Buczkowska-Ward, die über nicht enden wollende Stimmfaltungen verfügt: mal gurrend, mal rasend, mal klagend. Eine Frau, die vor allem stimmlich magische Kräfte hat, aber weiß, dass auch sie erlöschen werden.
Strippenzieher mit nur einer Arie
Im Hintergrund zieht der in geschäftsmäßigem Schwarz auftretende Melisso die Strippen, der die nüchterne Entzauberung seines Zöglings Ruggiero mit dem Whiskyglas begießt. Eine Arie muss Erik van Heyningen singen, aber die sitzt mit massiver Stimmmacht.
Hier wird klar: Alcina nutzt das von ihr aufgebotene bildmächtige Zaubertheater nichts. Die versteinerten Liebhaber machen mit ihrem Clownstheater nur ein trauriges Spiel in diesem Liebeszirkus.
Betörend schön
Nur die Katz und Maus spielende Morgana, die Schwester Alcinas, und ihr Liebhaber Oronte kommen mit ihren Szenen einer Ehe am Ende, wie in einem Film von Ingmar Bergmann, auf der Baum-Schaukel dann doch zueinander. Michael Porter und Shélen Hughes singen das mit betörend schönen Koloraturen.
Für die bindungslose Alcina fallen die Kulissenwände ihres nachtträumerischen Zaubertheaters auseinander. Und doch sitzen am Ende alle zur Moral des Schlusschors traurig auf der Unendlichkeitscouch an der Rampe. Nur Alcina singt unbegleitet wie ein fernes Echo Sentenzen aus ihrer Arie der Betrogenen.
Zeitgemäße Antwort auf die heutige Welt
Uns fehlt wohl heute die Magie solch barocken Zaubertheaters, für die die Dirigentin Julia Jones das Opern- und Museumsorchester in ein famoses Händel-Ensemble verwandelt hat. Mit ihm zaubert die Dirigentin die Farbpalette hervor, mit der der Komponist seine vielleicht raffinerteste Opernpartitur geschrieben hat.
Dieser Händel ist eine sehr zeitgemäße Antwort auf eine gänzlich entzauberte und ernüchterte Welt. In seinem Faltenwurf kann man sich einen Abend lang wohltuend einhüllen.
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