Ausstellung im Stuttgarter Ostend

Auf ein Pappmaché-Bierchen in den Kunst-Späti

Machos in der Tüte? Die gibt’s im „Silky Späti“, einem ganz realen Fake-Shop im Stuttgarter Osten. Nur auf den ersten Blick ein ganz normaler Kiosk – auf den zweiten ein spielerischer Ort für Kunst und Begegnungen.

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Von Autor/in Gührer, Jana

Späti, Kiosk, Wasserhäuschen, Trinkhalle oder Büdchen – es gibt viele Namen für ein bundesweites Phänomen: Kleine Verkaufsstände mit ihren ganz eigenen regionalen Ausprägungen, mit buntem Angebot und teils außergewöhnlichen Öffnungszeiten. Im Ruhrgebiet sind die Trinkhallen offiziell immaterielles Kulturerbe und nicht nur in Berlin die Spätis Kult.

Späti steht umgangssprachlich für Spätkauf: Der Begriff stammt ursprünglich aus der DDR und bezeichnet einen kleinen Laden, der noch in der Nacht geöffnet hatte, um beispielsweise Schichtarbeiter mit Lebensmitteln, Getränken und Tabak zu versorgen. Heute gelten Spätis als sozialer Raum und so mancher als wichtiger Teil des Nachtlebens.

Kunst statt Kippen und Süßigkeiten

Die Künstlerin Silky hat für ihr Kunstprojekt „Never Mind The Gallery – Here’s the Silky Späti“ solch einen Kaufladen geschaffen und dabei jede vermeintliche Verkaufsware von Hand gebastelt. Nach Berlin und Hamburg steht der Laden nun im Projektraum Ostend in Stuttgart.

Anschaulich wird die Installation durch hunderte selbst gestaltete Produkte, Schilder und Objekte aus Pappmaché: Biere im Kühlregal, Snacks in der Auslage. Bei näherem Hinschauen: Verwirrung. Denn hier gibt es „Machos“ statt Nachos, daneben eine Packung „Freudscher Verbrecher“ oder Bier der Marke „Make life good again“.

Ist das gemalte Konsumkritik? Silky sieht sich als Kind ihrer Zeit, aufgewachsen mit Werbung, ihren absurden Versprechen und Produktnamen. Für ihren Späti wollte sie damit spielen.

Manchmal verirren sich Leute mit ihrem Lottoschein hinein, die sonst nie in eine Ausstellung gehen würden. Und genau das ist die Idee: niedrigschwelliger, humorvoller und spielerischer Kontakt mit der Kunst.

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Das Reisebüro "Ostend-Reisen" - eine Rauminstallation der Stuttgarter Künstler Elin Doka und Andreas Bär. Bild in Detailansicht öffnen
Motorräder stehen im Projektraum Ostend Stuttgart
Diese Motorradwerkstatt ist nur inszeniert: Der Projektraum Ostend Stuttgart. Bild in Detailansicht öffnen
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Der Blumenladen im Projektraum Ostend.
Sieht echt aus, ist aber ein Kunstprojekt: Der Blumenladen im Projektraum Ostend. Bild in Detailansicht öffnen

Kunst-Kiosk, Versicherungsbüro und Werkstatt

Hinter dem Projektraum Ostend stecken die Stuttgarter Künstler Elin Doka und Andreas Bär. Die Räumlichkeiten sollen ein Ort für interdisziplinäre, genreübergreifende Inszenierungen sein, der sich auch mit der fortschreitenden Gentrifizierung des Stuttgarter Ostens auseinandersetzt.

Neben Konzerten und Ausstellungen gibt es hier immer wieder raumfüllende Installationen und Performance-Kunst. So war der Projektraum Ostend, bevor er zum Kunst-Kiosk wurde, ein Versicherungsbüro, ein Blumenladen, ein Reisebüro oder ein Fotostudio – in dem es sogar echte Porträtshootings gab.

Über den kunstvollen Späti-Laden will die Berliner Künstlerin Silky nun die Mentalität der Stuttgarter*innen kennenlernen: „Da freue ich mich schon darauf, ich bin sehr gespannt.“

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Gührer, Jana
Onlinefassung
David Kirchgeßner