Vorreiter der elektronischen Kunst

Faszinierender Tüftler: Analoge Klangkunst von Walter Giers im Museum Ritter Waldenbuch

Walter Giers verwandelte Kondensatoren und Transistoren in spielerische Kunst: analoge Klang- und Lichtobjekte, die im Digitalzeitalter nostalgisch wirken – und gerade deshalb faszinieren.

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Von Autor/in Tobias Ignée

Spiel mit Seh-, Hör- und Tastsinn

Der Industriedesigner und Jazzmusiker Walter Giers (1937–2016) aus Schwäbisch-Gmünd war als Künstler Autodidakt, sein Interesse galt dem Spiel mit Seh-, Hör- und Tastsinn und der menschlichen Kommunikation.

Seine interaktiven Installationen suchen den akustischen Dialog. Wie etwa der „Erotische Zyklus“ von 1975, der allerdings alles andere als erotisch klingt.

Walter Giers: Erotischer Zyklus, 1975
Walter Giers: Erotischer Zyklus, 1975. Gebaut aus Bauteilen wie Kondensatoren, Widerständen, Glühlämpchen, Transistoren und Dioden ...

Die Geräusche kommen aus einem kleinen Lautsprecher, erzeugt von vielen elektronischen Komponenten, die feinsäuberlich auf einer Holzplatte angeordnet sind: Kondensatoren, Widerstände, Glühlämpchen, Transistoren, Drähte, Dioden, Speicherchips, Lüsterklemmen oder Platinen, alles sichtbar hinter einer Plexiglasscheibe.  

Einfach drauflos getüftelt

Über 10 Minuten lang dauert der brummende Loop - und was das mit Erotik zu tun hat, bleibt der Phantasie überlassen. Alle elektronischen Bauteile im Werk von Walter Giers haben eine technische, aber auch gestalterische Funktion, die sich oft aus der Anordnung auf der Platine ergibt.

Mir gehen da echt die Augen über, wenn ich sehe, wie er daran getüftelt hat …

Deutlich sichtbar bei dem Bildobjekt „Die Zeitmaschine“, das in einem eigenen Raum an der Wand hängt und ihn 45 Minuten lang beschallt.  Mit Naturgeräuschen, die später in Stadt- und Kriegsgeräusche übergehen. Ein komplexes akustisches Werk, dass eine ebensolche Konstruktion erfordert.

Walter Giers: Bildobjekt „Die Zeitmaschine“
Das Bildobjekt „Die Zeitmaschine“ hängt in einem eigenen Raum an der Wand. Ein komplexes akustisches Werk, dass eine ebensolche Konstruktion erfordert.

Gelernter Metallgraveur und Jazzmusiker 

Walter Giers war ausgebildeter Metallgraveur und Jazzmusiker. Um 1960 zog der gebürtige Rheinland-Pfälzer nach Schwäbisch-Gmünd, wo er zunächst ein Büro für Industriedesign betrieb.

Als Künstler war er Autodidakt und sein Interesse galt technischen und akustischen Fragen, dem Spiel mit Seh-, Hör- und Tastsinn und der menschlichen Kommunikation. Ein „Drauflostüftler“, wie der Titel der Ausstellung „Einfach machen!“ andeutet.

Porträt Walter Giers
„Drauflostüftler“: Der ausgebildete Metallgraveur und Jazzmusiker hat als Autodidakt einfach losgelegt, um seine zahllosen Ideen auszuprobieren.

Wahnsinnig viele Ideen ausprobiert

Kuratorin Hsiaosung: „Walter Giers war kein Theoretiker. Der war ein neugieriger Mensch, der wollte tüfteln, der wollte Dinge ausprobieren und der hatte einfach wahnsinnig viele Ideen und die wollte er einfach umsetzen.

Und wie mache ich das? Durch learning by doing und so, ausprobieren und so und deswegen einfach machen. Also das war ein sehr, sehr bodenständiger Mensch, vermute ich mal, der einfach Hand angelegt hat und einfach tat und ausprobierte.“ 

Walter Giers: Simultanlesung, 1994
Walter Giers: Simultanlesung, 1994.

Motto: „Einfach machen“

Das Motto „Einfach machen“ ist auch eine Aufforderung an das Publikum. So startet etwa beim Betätigen eines Fußschalters vor einem fünf Meter hohen Turm aus alten Koffern mit dem Titel „Babel II“ ein Gebrabbel aus verschiedenen Sprachen. “

Der Anstoß für die Arbeit „Babel II“ war die Baustelle am Potsdamer Platz in Berlin, in den 90er-Jahren die größte innerstädtische Baustelle Europas.

Walter Giers: Babel II
Ausstellungsansicht mit Kofferturm: „Babel II“ von Walter Giers

„Und ihn hat an dieser Baustelle fasziniert, dass da Menschen aus allen möglichen Kulturkreisen, aus allen möglichen Ländern dort zusammen kamen, um dort zu arbeiten. Es ist, glaube ich, ein Werk, das sehr viele Fragen, insbesondere auch für heute, aufwirft.“ 

Bestechende Originalität

Arbeitsmigration, Umweltzerstörung, Natur- und Wahrnehmungsphänomene oder Kommunikationsprobleme, all das sind Themen, die Walter Giers auf eine spielerische, multimediale und interaktive Weise anspricht. Seine Bildobjekte wirken im digitalen Zeitalter natürlich anachronistisch, aber bestechen auch heute noch durch ihre Originalität.

Kleiner Wermutstropfen dabei: die von Giers umformulierte Aufforderung „Bitte nicht berühren“ in „Bitte berühren“ gilt in der Ausstellung nicht uneingeschränkt. Was aber aus konservatorischer Sicht auch verständlich ist, denn viele der elektronischen Bauteile – die Glühbirnen etwa – sind heutzutage nur schwer zu ersetzen.

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