Kunst der Jahrhundertwende

„Verborgene Moderne“ – Ausstellung im Leopold Museum Wien zeigt Okkultismus in der Kunst

Die Wiener Ausstellung thematisiert die Suche nach dem Neuen Menschen, ohne die dunklen Aspekte des magischen Denkens auszuklammern. Zwischen gewaltlosem Anarchismus und völkischer Esoterik bewegten sich die vom Okkultismus beeinflussten Künstlerinnen und Künstler der Jahrhundertwende – eine Zeit gefährlicher Ambivalenzen, die der unseren gar nicht so unähnlich ist. Mit Bildern von Gertrude Honzatko-Mediz, Edvard Munch und düsteren Landschaftsszenen, die der Schriftsteller August Strindberg malte.

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Von Autor/in Günter Kaindlstorfer

Gott ist tot, es leben die Geister

Nach dem Tod Gottes, den Friedrich Nietzsche in der ihm eigenen Bombastik proklamiert hatte, ging es rund im europäischen Fin de siecle. Indische Weisheitslehren traten an die Stelle des Dahingegangenen, griechische und germanische Götter wurden reanimiert, theosophische Phantastinnen wie Madame Blavatsky verkündeten die Existenz übersinnlicher Wesenheiten.

Rudolf Steiner bemühte sich um eine Synthese von Wissenschaft und Esoterik und in zahlreichen europäischen Salons wurden um das Jahr 1900 Seancen und Geisterbeschwörungen abgehalten.

Porträt Anthroposoph Rudolf Steiner – Verehrter Prophet, gefährlicher Ideologe

Rudolf Steiner (1861 - 1925) ist der Begründer der Anthroposophie. Bis heute sind er und seine Lehre umstritten.

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Spiritualität der Modernen Kunst

Es waren aber nicht nur Spinner und Obskurantistinnen, die sich in der allgemeinen Gärung der Jahrhundertwende mit okkultistischen Lehren abgaben.

EGON SCHIELE 1890–1918 „Selbstseher“ II („Tod und Mann“), 1911 Öl auf Leinwand
EGON SCHIELE 1890–1918 „Selbstseher“ II („Tod und Mann“), 1911 Öl auf Leinwand | 80,5 × 80 cm Leopold Museum, Wien Foto: Leopold Museum, Wien Pressestelle Leopold Museum, Wien Bild in Detailansicht öffnen
FRANTIŠEK KUPKA 1871–1957 Essai Robustesse, 1920 Öl auf Leinwand
FRANTIŠEK KUPKA 1871–1957 Essai Robustesse, 1920 Öl auf Leinwand | 150 × 100 cm mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1993 Foto: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Pressestelle © Bildrecht, Wien 2025 Bild in Detailansicht öffnen
GUSTO GRÄSER 1879–1958 Der Liebe Macht, 189899 Öl auf Leinwand
GUSTO GRÄSER 1879–1958 Der Liebe Macht, 1898/99 Öl auf Leinwand | 107 × 187 cm Monte Verità Museum Complex, Casa Anatta, Ascona Foto: Matteo Taddei Pressestelle Matteo Taddei Bild in Detailansicht öffnen
KARL WILHELM DIEFENBACH 1851–1913 Die Erscheinung – Siderischer Körper, nach 1900 Öl auf Holz
KARL WILHELM DIEFENBACH 1851–1913 Die Erscheinung – Siderischer Körper, nach 1900 Öl auf Holz | 78,5 × 55,2 cm The Jack Daulton Collection Foto: The Jack Daulton Collection/Marty Kellys Pressestelle The Jack Daulton Collection/Marty Kellys Bild in Detailansicht öffnen
OSKAR KOKOSCHKA 1886–1980 Veronika mit dem Schweißtuch, 1909 Öl auf Leinwand
OSKAR KOKOSCHKA 1886–1980 Veronika mit dem Schweißtuch, 1909 Öl auf Leinwand | 120,6 × 80,7 cm Museum of Fine Arts Budapest – Hungarian National Gallery Foto: Museum of Fine Arts, Budapest 2025 Pressestelle © Fondation Oskar Kokoschka/Bildrecht, Wien 2025 Bild in Detailansicht öffnen
OSKAR KOKOSCHKA 1886–1980 , Bertha Eckstein-Diener (unvollendet), 1910 Öl auf Leinwand
OSKAR KOKOSCHKA 1886–1980 , Bertha Eckstein-Diener (unvollendet), 1910 Öl auf Leinwand | 78 × 88 cm mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1962 Foto: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Pressestelle © Fondation Oskar Kokoschka/Bildrecht, Wien 2025 Bild in Detailansicht öffnen

„Künstler wie Oskar Kokoschka und Egon Schiele haben die theosophischen Schriften sehr genau gelesen. Farbtheorien über feinstoffliche Astralleiber sind fast eins zu eins in ihre Werke eingeflossen. Und auch die abstrakte Malerei eines Frantisek Kupka ließe sich ohne ihren spiritistisch-theosophischen Hintergrund gar nicht verstehen“, sagt Matthias Dusini, einer der Kuratoren der Wiener Ausstellung.

Die Zeiten waren unübersichtlich

In der Zeit um 1900 konkurrierten die unterschiedlichsten Strömungen miteinander: Sozialismus und völkischer Nationalismus, Pazifismus, Feminismus und Imperialismus, Rationalismus und Neoromantik – eine Zeit gewaltiger Unübersichtlichkeit.

Dazu kam die Lebensreformbewegung, die vegetarische Ernährung, Freikörperkultur, Naturheilkunde, freie Liebe und kollektivistische Lebensformen miteinander verbinden wollte. Paradigmatisch für diese Strömung war der symbolistische Maler Karl Wilhelm Diefenbach.

Karl Wilhelm Diefenbach – Ein Guru in Mönchskutte

Der Schöpfer mythisierender Traumtableaus pflegte als rauschebärtiger Guru in Mönchskutte und Sandalen aufzutreten; er gilt bis heute als „Urvater der Alternativbewegungen“. Diesem Karl Wilhelm Diefenbach ist ein Schwerpunkt der Wiener Ausstellung gewidmet.

In der Kommune „Himmelhof“, die der Künstler 1897 in Wien-Ober-St.Veit ins Leben rief, engagierte sich sowohl der Anarchist Gusto Gräser, der später die Aussteigersiedlung „Monte Verita“ in der Schweiz gründete, als auch der Jugendstilmaler Hugo Höppener, genannt „Fidus“, ein rechtsextremer Theosoph, der sich Jahrzehnte später den Nazis andiente.

Esoteriker und Rechtsextremisten unter einem Dach

Diefenbachs Kommune spaltete sich in zwei Richtungen auf: „Man hat auf der einen Seite den Fidus, den Maler, der später arische Tempel entwarf“, so Matthias Dusini. „Und auf der anderen Seite Gusto Gräser, den Hermann Hesse im 'Demian' verewigt hat. Das war der exemplarische Aussteiger, der antibürgerliche Verweigerer schlechthin.“

Zwischen gewaltlosem Anarchismus und völkischer Esoterik – das war die Spannbreite, innerhalb deren sich vom Okkultismus beeinflusste Künstlerinnen und Künstler der Jahrhundertwende positionierten. Die Wiener Ausstellung erinnert an eine Zeit vielfacher Gärungen und gefährlicher Ambivalenzen – eine Zeit, die der unseren gar nicht so unähnlich ist.

Zeitwort 03.02.1913: Rudolf Steiner gründet die Anthroposophische Gesellschaft

Die „Anthroposophie“, die „Weisheit vom Menschen“, zeigt sich am deutlichsten im Bereich der Pädagogik: Waldorfkindergärten und Waldorfschulen sind fest in der Gesellschaft verankert.

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Autor/in
Günter Kaindlstorfer