Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle

100 Jahre Architekturvisionen: Die Vorstellung vom guten Wohnen

„Zeige mir, wie du baust, und ich sage dir, wer du bist“, wird der Dichter Christian Morgenstern zitiert. Tatsächlich sind Architekturzeichnungen vor allem Ausdruck eines bestimmten Zeitgeistes, wie die Ausstellung in der Tübinger Kunsthalle eindrucksvoll zeigt.

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Von Autor/in Silke Arning

Ein kleines Reihenhaus im Grünen – das war und ist vielleicht noch immer ein Traum vom Wohnen. Aber viele Menschen haben andere Vorstellung, mögen es eher flexibel und überschaubar. Das riesige Interesse an Tiny Houses ist ein Indiz dafür.

Künstler*innen und Architekt*innen haben immer schon über neue Wohnformen nachgedacht und zumindest in ihren Entwürfen mit ganz anderen Lebenskonzepten experimentiert.

Friedrich Kiesler: Tonmodell eines Endless House, 1950
Friedrich Kiesler: Tonmodell eines Endless House, 1950.

Mit der Realität hat das nicht immer etwas zu tun, wie die neue Ausstellung „Schöner Wohnen“ in der Kunsthalle Tübingen zeigt. Hundert Architekturvisionen und Konzepte sind hier seit 1900 zusammengetragen.

Die Entwürfe reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen, suchen nach funktionalen Lösungen, geben sich betont futuristisch oder beschreiben gänzlich utopische Wohnmodelle.

Bruno Taut: Schönheit als Kontrast

Es ist eine tollkühne, zugleich zutiefst pazifistische Idee: der Berliner Architekt Bruno Taut träumte davon, die Alpen mit Glas zu überbauen, das Matterhorn mit Prismen zu verzieren. Eine Architektur der Schönheit als bewusster Kontrast zu den Gräueln des Ersten Weltkriegs.

Nicole Fritz, Direktorin der Tübinger Kunsthalle, deutet auf einen kleinen Haufen bunter Glasbausteine: „Man glaubte wirklich, über Kristalle und Glas den Menschen zu bessern. Bruno Taut hat ein Glasspiel entworfen und wollte diese Idee in die Familien bringen, um so auch didaktisch im Alltag der Menschen einzuwirken.“

Die Alpen als futuristische Kunstlandschaft: Die filigran gezeichneten, colorierten Werke Tauts haben nichts mit funktionalen Architekturstudien gemein. Es sind eigenständige expressionistische Werke, Utopien, die eine organische Verbindung von Landschaft und Technik aufzeigen und sich gegen alles Funktionale stemmen.

Der Nakagin Kapsel Turm war ein Wohn- und Bürogebäude, das der japanische Architekt Kishō Kurokawa 1972 in Tokio errichten ließ
Kisho Kurokawa, Nakagin Capsule Tower. Der Wohnraumnot in Tokio und der Forderung nach günstigem Wohnen begegnete der japanische Architekt mit einem Turm aus 140 rechteckigen Apartments.

Kurokawa-Tower aus Kapseln

Der völlige Kontrast dazu führt über die strenge, zweckbestimmte Bauhaus-Architektur zum Kurokawa-Tower in Tokio – eine Vision, die 1972 tatsächlich Wirklichkeit werden sollte: ein Turm aus rund 140 gleichartigen Kapseln, die um einen inneren Kern herum auf- und nebeneinander gestapelt wurden.

Der Turm wurde bereits abgerissen, doch einzelne Kapseln konnte sich das Museum als ikonisches Relikt dieses Baus dank des Enkels des Kunsthalle-Stifters sichern. „Für uns ist es heute ein Anschauungsobjekt, wie man sich das Wohnen in der Großstadt vorgestellt hat“, sagt Nicole Fritz.

Ballon, Projekt des Architektenkollektivs Haus-Rucker-Co von 1967
„Wohnraum im Raum“, 1967, von Haus-Rucker-Co. Eine begehbare durchsichtige Blase, in die sich Passanten vorübergehend zurückziehen dürfen. Ein Gebläse von außen sorgt für „frische Luft“.

Ein Tiny-House als Antwort auf die Raumnot

Kein wirklich menschenfreundliches Wohnen: Die Kapsel, die durch ein überdimensionales Bullauge wie eine zu groß gewordene Waschmaschine aussieht, ist gerade 10 Quadratmeter groß und auf dem Skulpturenhof der Tübinger Kunsthalle zu erkunden.

Im Inneren: Bett, Badkabine, Schränke, Telefon und Tonbandgerät. Ein kompaktes Tiny-House als Antwort auf die Raumnot übervoller Megacitys. Wie sehr die Architekturentwürfe Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes sind, zeigt das kuriose „Wohnraum im Raum“, ein Projekt des Architektenkollektivs Haus-Rucker-Co von 1967, das wie eine gigantische, begehbare durchsichtige Blase anmutet. 

Es waren neue Entwürfe, um in den Großstädten das Überleben zu sichern.

„Das Kollektiv hat sich völlig verrückte Frischluftzellen vorgestellt, die in den Städten in den umweltverschmutzten Städten aufgestellt werden könnten.“ Menschen sollten dann wie bei Telefonzellen die Köpfe durchstecken und die Natur riechen.

  • Wohnkapsel des Nagakin Capsule Tower, 1972 (Tokio)
    SWR Silke Arning
  • Wohnkapsel des Nagakin Capsule Tower, 1972 (Tokio)
    SWR Silke Arning
  • Wohnkapsel des Nagakin Capsule Tower, 1972 (Tokio)
    SWR Silke Arning

Kritik am stetigen Wachstum

Mit der zunehmenden Kritik am ständigen Wachstum, an der Plünderung des Planeten, entwirft eine Erdarchitektur archaische, wie Skelette anmutende Gebäude, die auf rechte Winkel verzichtet.

Der Künstler Friedrich Hundertwasser macht Bäume zu Untermietern und lässt frisches Grün aus farbenfrohen, sinnlichen Gebäuden wuchern – ein früher Vorläufer heutiger begrünter Wandfassaden.

Es sind spannende, unterhaltsame und auf jeden Fall erhellende Einblicke, die dieser Durchmarsch durch 100 Jahre Architekturzeichnung vermittelt. Für die Bauplanung hat diese Profession heute ausgedient, abgelöst durch Computerprogramme und KI.

Das Ende ist das aber nicht, betont die Direktorin der Kunsthalle Tübingen Nicole Fritz: „Deswegen ist es so spannend zu sehen, dass die Architekturzeichnung in der Gegenwartskunst weiterlebt“.

Ausstellung im Vitra Design Museum Shaker-Möbel im Vitra Design Museum: Stühle für eine utopische Gesellschaft

Bekannt wurde die christliche Freikirche der „Shaker“ aus den USA für ihre schlichten Holzstühle. Das Vitra Design Museum widmet sich nun den Entwürfen der Glaubensgemeinschaft.

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Autor/in
Silke Arning
Moderatorin Silke Arning