Ein Vorreiter der Moderne
William Turner revolutionierte im 19. Jahrhundert die Malerei. Bis heute zählt er als einer der wichtigsten Maler Großbritanniens. Vor 250 Jahren wurde er geboren, seine Lebenszeit war von maßgeblichen Umbrüchen geprägt. Er war ein Kind der Industrialisierung, die auch in vielen seiner Werke eine Rolle spielt.
Farbe und Licht spielten in seinen Arbeiten eine entscheidende Rolle. Schon früh begann er die Grenzen der Landschaftsmalerei auszuloten. Dabei setzte er sich auf mehreren Reisen mit unterschiedlichen Landschaften auseinander und bezog Vorbilder aus der Kunstgeschichte mit ein.
Turner gilt damit als Vorreiter der Moderne. Jährlich wird der hochdotierte Turner Prize an herausragende britische Künstlerinnen und Künstler verliehen. Dieses Jahr erhielt ihn die britisch-nigerianische Künstlerin Nnena Kalu für ihre Zeichnungen und textilen Installationen.
„Turner and Constable“ in London
Anlässlich seines 250. Geburtstags im April widmete das Tate Britain Museum in London dem Nationalmaler ein Jahr lang Sonderausstellungen und Veranstaltungen.
Seit Ende November ist „Turner and Constable“ zu sehen, eine Ausstellung, die sich ihm und seinem Zeitgenossen John Constable widmet. Beide gelten als Meister der Landschaftsmalerei – die Ausstellung stellt die sehr unterschiedlichen Künstler und ihre Karrieren gegenüber.
Reisen in den Südwesten Anfang des 19. Jahrhunderts
Die Kriege in Europa hatten das Reisen lange fast unmöglich gemacht. Anfang des 19. Jahrhunderts unternahm Turner seine erste Reisen nach Frankreich und in die Schweiz, wo er zum ersten Mal den Rheinfall festhielt. Die Alpen faszinierten Turner zeitlebens.
Turner bemühte sich dabei, die Erhabenheit der Natur einzufangen; ihre Unberechenbarkeit, Bedrohlichkeit und ihre Schönheit zugleich. Er entwickelte eine spezielle Technik, die er von seinen Aquarellen auf Ölgemälde übertrug: Statt in dunklen Tönen, grundierte er seine Leinwände mit hell – so strahlten die Farben mehr.
Aus anschaulichen Naturbeobachtungen reduzierte er seine Pinselstriche immer weiter auf Atmosphäre, Licht und Farbe. Zu seiner Zeit war diese Art der Darstellung fast schon eine Provokation. Der spätere Mitbegründer der National Gallery in London, George Beaumont, erklärte despektierlich, dass Turners monumentale Himmelsdarstellungen in Öl für ihn wie „Erbensuppe“ aussehe.
Turner auf Reisen durch Europa
Ob Malerei, Literatur oder Musik: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts inspirierte der Mittelrhein mit seiner ungezähmten Natur eine ganze Generation an Kunstschaffenden. Auch Turner wurde davon angezogen.
Mehrere Aufträge und die Suche nach Motiven führten den Briten auf weitere Reisen. 1816, nach der Schlacht bei Waterloo, reiste Turner wieder durch Europa. Mit der Postkutsche ging es von Belgien nach Köln. Den Rhein erkundete er größtenteils zu Fuß oder auch mal im Boot. So kann man heute im wahrsten Sinne noch auf Turners Spuren wandern.
Projekt „William Turner Route“
Das Projekt „William Turner Route“ spürt den Reisen des Romantikers entlang des Rheins nach. An mehreren Standorten zwischen Koblenz und Bingen wurden Bronzeplatten oder Stelen installiert, an denen man Turners Eindrücke der Landschaft an den Original-Schauplätzen nachempfinden kann.
Das Projekt zeigt nicht nur, wo welche Werke entstanden sind, sondern illustriert auch, wie sich Turners Stil im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat. Er kehrte immer wieder zu seinen Motiven zurück.
Mitverantwortlich für das Projekt ist der Künstler Dr. Armin Thommes. Er erklärt, dass die Region am Mittelrhein die Briten faszinierte, da es viele Kulturgüter auf engstem Raum gab. Es herrschte die Vorstellung, hier finde man an jeder Ecke eine Burg und Spuren des Mittelalters; dazu der atmosphärische Rhein mit seiner Enge.
Insgesamt 26 kunsthistorisch wichtige Standorte hat Thommes ausfindig gemacht. Bis zur Eröffnung der Bundesgartenschau 2029 sollen entlang der Route Platten mit Fußabdrücken entstehen, auf denen man sozusagen in Turners Fußstapfen treten kann.
Turner als Vater der Rheinromantik
„Es gab zu der Zeit auch schon einige Reiseführer des Mittelrhein. Anhand derer war er unterwegs“, erklärt Thommes. Von Lahnstein vorbei an der Marksburg, zur Burg Maus oder nach Oberwesel. In seinem Skizzenbuch hält Turner die Impressionen von unterwegs fest.
Erst viel später, nach seiner Rückkehr in die Heimat entstehen aus den Skizzen von Kirchen, Felsen, Wasser und Weinbergen Aquarelle. William Turner gilt heute als einer der Väter der Rheinromantik. Seine Arbeiten trugen maßgeblich zum weltweiten Bekanntheitsgrad der Region bei.
Reise zum Bodensee
Aber nicht nur die Landschaft des Rheins in Rheinland-Pfalz faszinierten Turner. Sein Erkundungsreisen führen ihn bis zum Bodensee. Und auch die Ufer des Neckars werden von dem Romantiker bereist und erforscht. Er kommt vorbei an, wie er schreibt, „idyllischen Städtchen“ wie Esslingen, Heilbronn oder Heidelberg. Das dortige Schloss fasziniert Turner besonders.
Auch an den Bildern aus dem deutschen Südwesten lässt sich ablesen, wie sich Turners Stil veränderte. „Wenn man sich die Aquarelle aus der Zeit des ersten Besuchs von 1817 anschaut und dann die späteren Reise von 1840/1841, dann ist da einiges passiert“, meint Künstler Thommes.
Die früheren Arbeiten seien noch in der Tradition realistisch, naturalistisch ausgeführt. Die späten hingegen wirkten fast wie frühe impressionistische Arbeiten, so Thommes. Sich auf die emotionalere Wirkung von Farben und Kontrasten einzulassen, so der Experte, gehe dabei auf Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre zurück.
Turners Blick bis heute erhalten
Zum Teil sind Turners Perspektiven auf die Landschaft im Südwesten bis heute erhalten geblieben, manche sind durch Gebäude oder Bäume versperrt. Oft kombinierte der Romantiker aber auch collagenartig mehrere Blickwinkel, wie in Bacharach, Bingen oder Oberwesel. Besonders dort zeigt sein Werk also individuelle Eindrücke.
Turners Werk hatte einen großen Einfluss auf die deutsche Landschaftsmalerei. Seine Gemälde zählen zu den wichtigsten Werken der Rheinromantik. So lassen sich die Landschaften des Südwestens in den großen Museen der Welt betrachten.