Rassenideologie schon in den ersten Zeilen
Als Hitler zwischen 1924 und 1926 „Mein Kampf“ verfasste, war die Bedeutung des Buches für die deutsche Geschichte längst nicht klar. Hitler hatte sich damals noch nicht als das Gesicht des Nationalsozialismus durchgesetzt. Es gab durchaus noch Rivalen aus den eigenen Reihen, die Hitler die Position streitig machten.
Wohl auch deshalb stilisiert sich Hitler schon in den ersten Zeilen als einen Auserwählten. Er schreibt, sein Geburtsort Braunau an der deutsch-österreichischen Grenze müsse ein Zeichen sein. Denn diese Grenze sollte es nicht mehr geben. Gemäß seiner Ideologie sollte die „deutsche Rasse“ nicht getrennt sein, sondern in einem Land vereint.
Jede Lüge sollte enttarnt werden
Hitler bedient sich einer Rhetorik, die auf die damaligen Leser und Leserinnen vertraut gewirkt haben müsste: Im Vergleich mit anderen zeitgenössischen politischen Schriften tauchen ähnliche Bilder auf. Auch dürften viele von ihnen die Zeiten, die Hitler beschreibt, selbst miterlebt haben.
Heute fehlen uns diese Referenzen, allein deshalb brauchte es Fußnoten. Dazu kommt das Potential, das viele dem Text zusprechen: dass Hitlers Ideologie durch die Wiederveröffentlichung der Schriften neuen Zuspruch gewinnen könnte.
Deswegen setzte ein großes Team rund um Historiker Christian Hartmann damals alles daran, jede Lüge und Verdrehung in den Fußnoten aufzuzeigen.
Leserschaft sucht kritische Auseinandersetzung
Wichtig sei dabei gewesen, die Anmerkungen zentral unterzubringen – damit man sie eben nicht überblättern könne oder erst hinten im Buch danach suchen müsse, sagt Hartmann im Gespräch mit SWR Kultur. Dieses Konzept funktioniert, glaubt der Historiker.
Auch wenn das Buch in der rechtsradikalen Szene „eine Art Fetisch" sei, habe sich seit der Veröffentlichung vor zehn Jahren gezeigt, dass das Buch von Menschen gelesen werde, die sich kritisch mit dem Text auseinandersetzen wollen.
Hartmann vergleicht die kommentierte „Mein Kampf“-Ausgabe mit einem Museum, das Teile der Geschichte zeigt und kommentiert. Bei der ersten Auflage hatte man 4000 Exemplare gedruckt. Mittlerweile ist der Verlag bei der 16. Auflage, mehr als 100.000 Mal hat sich das Buch mittlerweile verkauft. Eine kostenlose Online-Version verzeichnet über 190.000 Aufrufe.
Eine Warnung vor aktuellen Entwicklungen
Hartmann hält die Auseinandersetzung mit dem Stoff auch heute noch für wichtig. Zwar sei der Stil etwas aus der Zeit gefallen. Die rhetorischen Mittel, mit denen Hitler arbeitete, seien dagegen zeitlos. Zudem sei Hitlers Weltanschauung eine Warnung, was passieren könne, wenn anstatt von Bildung Schwurbelei trete. Dieses Phänomen sieht Hartmann aktuell verstärkt.
Bildung nimmt ab, die Angebote durch das Internet steigen. Man kann nur hoffen, dass nicht andere sich da ähnliche Dinge zusammenreimen, die sie irgendwo gefunden haben.
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