Buchkritik

Andrey Gurkov – Für Russland ist Europa der Feind

Andrey Gurkov ist ein russischer Journalist, der einst an Verständigung und Austausch und Wandel durch Handel mit Russland glaubte. Heute ist er vom Gegenteil überzeugt.

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Von Autor/in Stefan Berkholz

Andrey Gurkov ist ein ausgewiesener Fachmann für Russland, keine Frage. 1959 in Moskau geboren, in Ostberlin und Bonn groß geworden, in Moskau und Leipzig Journalistik studiert. Als Journalist setzte er sich jahrzehntelang für Verständigung ein, doch damit hat er heute abgeschlossen. Zum Auftakt, in seinen ersten Zeilen, lässt Gurkov keinen Zweifel an der Stoßrichtung seines Buchs. 

Die Geografie kann man vergessen: Russland gehört nicht mehr zu Europa – und will es auch nicht. Formell, auf der Landkarte, wird die Russische Föderation bis zum Uralgebirge auch weiterhin Teil des europäischen Kontinents bleiben. Aber von einer weltanschaulichen, politischen, mentalen und selbst wirtschaftlichen Zugehörigkeit kann nach dem russischen Krieg gegen die Ukraine keine Rede mehr sein. Wir erleben eine fundamentale Entfremdung, schlimmer noch: Für meine Heimat ist Europa jetzt der Feind. Eigentlich meint genau das der in Deutschland so populär gewordene Begriff Zeitenwende. 

Wurzeln in der Stalinzeit 

Es habe also keinen Zweck, auf Verständigung oder Versöhnung zu bauen, warnt der Journalist Gurkov.

In Kapiteln wie „Eine Nation mit wirrem Weltbild“ oder „Verhasstes Amerika, verachtetes Europa“ oder „Russlands Übergröße: Fluch, Segen, Schicksal, Sackgasse“ nimmt er die Propaganda und die Weltsicht vor allem der bestimmenden Elite aufs Korn und begründet damit den endgültigen Abschied von den Träumen unter Gorbatschow.

Alles Böse wurzele in der Stalinzeit, schreibt Gurkov, und er zählt auf, was dieses Böse ausmache: 

Im Falle Russlands meine ich dabei vor allem Großmannssucht, militaristische Wertvorstellungen und verletzten Nationalstolz, das Kultivieren des Beleidigtseins und das Sinnen nach Revanche, imperiale Überheblichkeit und den Glauben an die eigene kulturelle Überlegenheit. Rassismus, Antisemitismus, Homophobie oder Machogebaren kamen noch hinzu.

Die Sicht eines Renegaten 

Er habe sich „jahrzehntelang als Brückenbauer zwischen zwei Welten verstanden“, schreibt Gurkov: „meiner Heimat Russland und meiner zweiten Heimat Deutschland“. 2014, mit der „Krim-Eroberung durch Russland“, kamen ihm Zweifel an seiner bisherigen Sichtweise, mit dem 24. Februar 2022, der Invasion russischer Truppen bis nach Kiew, sei es damit vorbei.

Hier schreibt also ein Renegat, ein Abtrünniger, jene Spezies, die besonders scharf und unerbittlich abrechnen mit ihrer alten Liebe und einseitiger argumentieren und handeln als andere. 

Das größte Land der Welt, jahrelang aufgehetzt durch aggressive Propaganda und verführt durch Sowjetnostalgie, wird nicht aufhören, nach weiteren Territorien oder zumindest nach noch mehr Dominanz zu streben. Besonders jetzt, da die russische Gesellschaft während der Eroberung ukrainischer Gebiete Blut geleckt hat. Den Traum, ein großes, aber friedliches und liberales russisches Imperium sei möglich, habe ich definitiv ausgeträumt. 

Frieden in Aussicht? 

„Die russische Gesellschaft“ – wer ist das? In Gurkovs Sichtweise in erster Linie „die intellektuellen und medialen Zuarbeiter des Systems Putin“, wie es einmal heißt, oder allgemein „meine Landsleute“. Das Buch krankt - bei aller vielfach schlüssigen Argumentation – vor allem daran, dass oppositionelle Stimmen fast völlig fehlen.

Ein friedliebendes Europa mit Russland ist für Andrey Gurkov ein für alle Mal erledigt. Eine schreckliche Vorstellung, eine Zukunft in einer waffenstarrenden Welt demnach. 

Für Europa ist die Ukraine eine Perspektive und Russland eine Gefahr. Für die Ukraine ist Europa das Ziel, für Russland eher eine Zielscheibe. Davon sollten wir Europäer ausgehen. 

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