Gegen die Verachtung der Moral

„Die Verachtung der Moral ist nicht neu": Anne Rabes Essay „Das M-Wort"

Moralische Debatten sind häufig anstrengend, aber meistens lohnend. Wir erfahren nicht nur etwas über die Gegenseite, sondern auch über uns selbst. Anne Rabe zeigt, wie wichtig eine breite Debatte über unser moralisches Selbstverständnis ist, angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung.

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Von Autor/in Leander Scholz

Keine Gesellschaft kommt ohne Moral aus. Gemeinsame Werte regeln nicht nur unser Zusammenleben, sondern bestimmen auch unser Selbstbild als Gesellschaft. Sie kommen sowohl in den Gesetzen zum Ausdruck als auch in unserem alltäglichen Verhalten. Die Entscheidung, was wir für richtig und für falsch halten, ist zugleich eine Entscheidung über unser Selbst. 

Das ist auch der Grund dafür, warum moralische Auseinandersetzungen besonders emotional geführt werden. Ob man sich nun auf die antike Tugendlehre, die Zehn Gebote oder die Erklärung der Menschenrechte bezieht. Seit es die Annahme verbindlicher Werte gibt, wird auch darüber gestritten, nach welchen Normen wir uns richten sollen. 

Die Moral der Gesellschaft 

Die heftigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre hat die Schriftstellerin Anne Rabe nun zum Anlass genommen, die hohen Ansprüche an unser moralisches Verhalten zu verteidigen. Ihr Essay „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ richtet sich vor allem gegen die Vorwürfe, unsere Debatten seien von zu viel Moral geprägt: 

Die Verachtung der Moral ist nicht neu. Sie ist immer wieder Motor reaktionärer und auch gewalttätiger Bewegungen. Sie ist aber auch Teil der Überlegenheitsbehauptung derjenigen, die mit zynischem Schulterzucken andeuten wollen, dass sie sich keine Illusionen mehr machen: Es ist, wie es ist. Finde dich damit ab

Eine Welt ohne Aussicht

Auch in der Vergangenheit gab es bereits zahlreiche moralische Krisen. Aber die aktuelle Krise, die Rabe diagnostiziert, geht sowohl über die schlechte wirtschaftliche Lage als auch über die Migrationsproblematik hinaus. Sie besteht letztlich in einer Abkehr von den moralischen Grundsätzen der Bundesrepublik. 

Hatte sich Westdeutschland in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit in moralischer Hinsicht über die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen definiert, wurde diese negative Identität spätestens seit der Wiedervereinigung zunehmend kritisch gesehen. Aus dieser Kritik, so Rabe, sei heute längst eine grundsätzliche Moralverschiebung geworden: 

Inzwischen ist es schwer zu sagen, wann es angefangen hat, dass Zukunft nicht mehr gleichbedeutend mit vorne, höher, weiter und besser war. Dass aus Wünschen auf Verbesserung, Ahnungen von Stillstand und schließlich die Angst vor Rückschritt wurde. War die Pandemie der Ausgangspunkt? Der Kriegsausbruch in der Ukraine? Oder doch schon die Finanzkrise? Der 11. September? 

Der Wunsch nach Zukunft 

So gut wie alle gesellschaftlichen Debatten sind derzeit von einer affektiven Polarisierung geprägt, ob es um den Klimawandel, die Flüchtlingspolitik oder die Geschlechtergerechtigkeit geht. Dagegen kämpft Rabe leidenschaftlich an, mal subjektiv, mal mit empirischen Daten, aber immer engagiert. Vor allem appelliert sie an unsere Fähigkeit zur demokratischen Solidarität.  

Bei einem wichtigen Punkt bleibt sie allerdings merkwürdig unkritisch gegenüber den Kritikern der Moral. Als wären tatsächlich die einen für Moral und die anderen dagegen. Dabei begründen selbst reaktionäre Haltungen ihre Anliegen letztlich moralisch. Auch sie entwerfen sich im Hinblick auf eine zukünftige Welt, wie Rabe sie zurecht als moralischen Anspruch einfordert: 

Die Moral ist keine Last. Sie befreit uns von unseren niederen Instinkten. Sie gibt uns die Freiheit zu hoffen, weil wir wissen, dass eine Welt, die wir denken können, eine Welt ist, die es geben kann.

Es hätte dem Buch gut getan, nicht der weit verbreiteten Rhetorik von Befürwortern und Gegnern der Moral verhaftet zu bleiben, sondern die gegenläufigen moralischen Horizonte herauszuarbeiten, vor denen argumentiert und gestritten wird. Dennoch lohnt sich die Lektüre und hilft dabei, sich der eigenen moralischen Position zu vergewissern. 

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