Hannah Arendt sitzt bei Winfried Kretschmann praktisch immer mit am Tisch. Seinen pinkfarbenen Kaffeebecher ziert ein Portrait der politischen Theoretikerin. Und es kann passieren, dass ein Mitarbeiter in der baden-württembergischen Staatskanzlei einen Pulli mit der Aufschrift trägt: „Was würde Hannah Arendt tun?“
Mit dieser zu Beginn des Buchs geschilderten Episode gibt Winfried Kretschmann gleich schon mal dessen Richtung vor. Klar ist, erstens: Das ist keine wissenschaftliche Erörterung, die die Arendt-Forschung revolutioniert oder ihr Neues hinzufügt.
Und zweitens: Hinter Kretschmanns Text steht vielmehr die folgende Überlegung: An welcher Stelle sollten wir mit Hannah Arendt besonders wachsam sein? In welchen Fragen kann sie Orientierung geben, Mut machen?
Ein Versuch, das Theoretische in die Praxis zu übersetzen
Was Winfried Kretschmann in seinem Buch im Kapitel „Warum ich eine Politik des Gehörtwerdens mache“ erörtert, hat er bereits 2020 bei seinem Besuch in der Berliner Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ erörtert:
„Sie hat Sprechen zum Handeln gezählt: Dass wir gemeinschaftlich Dinge erörtern, indem wir uns argumentativ auseinandersetzen“, erklärte der baden-württembergische Ministerpräsident damals. „Das ist ein tragender Bestandteil ihres ganzen politischen Denkens, insofern sie das Sprechen zum Handeln zählt. Das ist höchstgradig inspirierend und eigentlich ein höchst moderner Ausdruck von Politik in der Bürgergesellschaft.“
Es ist ein Übersetzen von Theorie in Praxis, das Winfried Kretschmann in seinem kleinen Band versucht. Selbst wenn er sein Buch mit dem Arendt-Zitat „Der Sinn von Politik ist Freiheit“ überschreibt und immer wieder auch mit anderen Zitaten und Auszügen aus Texten der Denkerin arbeitet, geschieht dies immer im Abgleich mit seinen eigenen Erfahrungen oder zur Erklärung seiner politischen Überzeugung.
Zwischen Denken mit Geländer und freiem Denken ohne Rücksicht
Das kann durchaus mal konträr sein. Zu Hannah Arendts Postulat vom selbstständigen Denken ohne Geländer meint der baden-württembergische Regierungschef: Wer als Politiker in einer Führungsposition nicht mit Geländer denke, könne auf Dauer nicht erfolgreich sein. Die Geländer – das sind für ihn das Recht beispielsweise, die Partei, aber auch die Menschen.
Zugleich hält er ein freies Denken ohne Rücksicht für wichtig, weil es dem politischen Handeln neue Impulse und Richtungen geben könne.
Das Wertvolle an diesem Buch: Winfried Kretschmann dekliniert auf ganz einfache, und eingängige Weise ganz grundsätzliche Eckpfeiler unserer Demokratie durch, die eben auch in Hannah Arendts Denken eine zentrale Rolle spielen: dass es in der Politik um ein Miteinander der Verschiedenen geht, dass Konflikt und Kompromiss den Bestand einer Demokratie ausmachen – und eben nicht das Streben nach Einheit.
Pakt für einen funktionierenden öffentlichen Raum im Sinne Arendts
Vor dem Hintergrund von Fake News und organisierter Lüge als politische Waffe wirbt der grüne Politiker im Sinne Hannah Arendts für ein Miteinander-Reden und Miteinander-Handeln: „Deshalb schlage ich einen Pakt für einen funktionierenden öffentlichen Raum vor. Der öffentliche Raum ist das Nervensystem unserer Demokratie.“
Übernehmen wir also gemeinsam Verantwortung, um den öffentlichen Raum als Ort der Freiheit, der Pluralität und der demokratischen Debatte zu verteidigen. Ansonsten droht – wie Hannah Arendt zeitlebens gewarnt hat – ein Abdriften ins Totalitäre und damit die Zerstörung des öffentlichen Raums und das Ende jeder Freiheit und Demokratie.
Der Pakt bedeutet für Kretschmann ein Bekenntnis zur freien Wissenschaft, zu einem unabhängigen, auch öffentlich-rechtlichen Journalismus, zu klaren Regeln für Desinformation in den sozialen Medien, zu Medien-Mündigkeit und digitaler Kompetenz.
Hannah Arendt habe Krisen als Chance betrachtet, um quasi alles noch einmal von Grund auf zu durchdenken, erinnert Kretschmann. Angesichts der vielen aktuellen Krisen lautet seine Devise daher: nicht verzagen, sondern denken und mutig handeln. Dafür könnte dieses Buch zum Geländer werden.
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12.10.1990 Winfried Kretschmann denkt wegen Parteiausschluss-Forderung über Parteiwechsel nach
12.10.1990 | 1990, lange bevor Winfried Kretschmann erster Grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg wird, ärgert er sich über seine Partei. Damals ist er noch einfacher Landtagsabgeordneter, und an der Basis gibt es Stimmen, die seinen Parteiausschluss fordern.
Anlass ist der Streit um eine Sondermüllverbrennungsanlage. Kretschmann hatte eine fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe initiiert. Die kam aber zu keinem gemeinsamen Ergebnis. Die CDU hält daran fest, den Sondermüll in Kehl zu verbrennen, SPD und Grüne wollen das nicht.
Die Grünen kritisieren Kretschmann dafür, dass er sich überhaupt bei der Suche nach einer Sondermüllverbrennung beteiligt. Kretschmann stinkt das und er droht seinerseits, die Partei zu verlassen und sich zum Beispiel bei SPD oder CDU zu engagieren.