Bäume haben viel zu erzählen, meint Aya Kōda:
„Bäume haben, genau wie die Menschen, einen eigenen Werdegang. Jeder Baum gibt durch seinen Holzkörper Aufschluss, wie sein Leben verlaufen ist: wie alt er ist, wie gut und sorglos er gewachsen ist, ob er Leid ertragen musste.“
Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich die japanische Essayistin und Romanschriftstellerin Aya Kōda nicht nur mit den vielfältigen Baumarten Japans, sondern auch mit den Gefühlen, die diese in den Menschen auslösen können.
Eine Reise durch Flora und Fauna
Aufgewachsen im damals noch ländlich geprägten Stadtteil von Tokio, entdeckte sie schon als kleines Mädchen durch ihren Vater die faszinierende Tier- und Pflanzenwelt. Ihr Vater, selbst ein leidenschaftlicher Naturfreund und Schriftsteller, nahm sie oft auf Spaziergänge durch die Wälder mit, wo sie die Schönheit des Blauregens (Wisteria) bewunderte.
„Denn im Angesicht des Schönen, Erhabenen spürt man stets die eigene Unzulänglichkeit. Das Herz wird einem schwer, denn wie sehr ist man doch selbst von solcher Schönheit entfernt, weiter geht es wohl kaum. Dabei übersieht man, dass das Staunen darüber ja in Wirklichkeit die Verbindung zu ihr ist, die man vermisst.“
Im Laufe ihres Buches entfaltet Kōda nicht nur eine malerische Reise durch die Flora und Fauna der japanischen Natur in kunstvoll romantisierter Weise, sondern gewährt auch tiefe Einblicke in ihre eigene Familiengeschichte. Mit großer Sensibilität schildert sie prägende Ereignisse ihres Lebens:
Den schmerzhaften Verlust ihrer Schwester, den bittersüßen Abschied von ihrer Tochter, als diese in die Ehe eintritt, und schließlich die unausweichliche Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergänglichkeit.
Jahr für Jahr kehren die Jahreszeiten wieder: Die Knospen sprießen, die Blumen blühen, die Früchte reifen, welke Blätter taumeln zu Boden. Mein Herz schmerzt beim Anblick dieses Naturschauspiels. Meine Tochter verlobte sich.
Die Einheit von Mensch und Natur
Kōda gelingt es dabei, die Natur nicht lediglich als Kulisse oder Metapher für das menschliche Leben darzustellen, sondern sie durch ihre meisterhafte Sprache untrennbar mit den Emotionen und Erfahrungen des Lebens zu verweben.
Wie Ranken, die sich ineinander verschlingen, wachsen Natur und Mensch in ihren Worten zu einer untrennbaren Einheit zusammen.
Ihre Beschreibungen der Bäume, Pflanzen und Landschaften werden so zu Spiegelbildern menschlicher Gefühle – von Trauer und Abschied bis hin zu Hoffnung und Neubeginn.
Der Regen und der Wald waren so schön, der Anblick machte mich regelrecht freudetrunken.
Bäume als Spiegel und Begleiter
Mit jedem Kapitel, mit jedem neuen Baum und mit jeder Reise entdeckt Kōda auch im hohen Alter immer wieder unbekannte Seiten an sich selbst. Die Bäume, die sie beschreibt, werden so zu stillen Begleitern auf ihrer Reise nach innen.
Sie spiegeln ihre Ängste, Hoffnungen und Erinnerungen wider, während sie gleichzeitig neue Perspektiven eröffnen.
Es ist ein Prozess des Wachsens und Werdens, der Koda zeigt, dass Selbstentdeckung kein Privileg der Jugend ist, sondern eine lebenslange Aufgabe, die mit jedem Schritt und jedem Blick in die Natur fortgeführt werden kann.
Doch es war nicht allein das natürliche Habitat dieser teils imposanten Giganten, dass Kōda in ihren Bann zog. Vielmehr waren es die Geschichten, Mythen und Sagen, die sich um diese Gewächse ranken und ihnen eine fast mystische Dimension verleihen.
Dass dieses Buch schließlich einem Tagebuch ihrer Reisen gleichen würde, hatte die Schriftstellerin vermutlich nicht erwartet. Und doch ist es genau das geworden: ein intimes und poetisches Werk, das den hohen Wert der Verbindung von Mensch und Natur wiederentdeckt und feiert.
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