Der Marketingpreis der Branche
Wir kennen den Werbeslogan von den „zuverlässigen Überraschungen“, mit dem einst der Eichborn Verlag für seine Bücher warb. Auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises trifft diese Zuschreibung ganz sicher zu, und zwar Jahr für Jahr.
Die Debatte um die Liste und der Streit darüber, welche Bücher nun zu Unrecht nominiert wurden und welche fehlen, gehören zum Konzept. Der Deutsche Buchpreis ist ein Marketingpreis der Branche.
Schlechte Publicity gibt es da nicht. Nun hat also die siebenköpfige Jury ihre diesjährige Shortlist veröffentlicht. Und selbstverständlich gibt es Überraschungen, aber nicht nur.
Zwei große Favoritinnen schaffen es auf die Shortlist
Erwartungsgemäß haben es zwei der großen Favoritinnen in die engere Auswahl geschafft:
Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil als Tochter iranischer Emigranten, wagt in „Die Lücken“ eine historische Tiefenbohrung in einem fiktiven Hunsrückdorf namens Heimesbach. Von den 1920er-Jahren an erzählt Bazyar von einer bis in die Gegenwart verdrängten und verschwiegenen historischen Last.
Der setzt sie die Perspektive und die Erfahrungen zweier aus dem Iran geflüchteter Familien entgegen. Ein ambitioniertes Projekt, und wenn der Deutsche Buchpreis den Anspruch hat, so etwas wie ein „Volksbuch“ zu schaffen – der Begriff stammt vom Lektor eines großen Verlages – wäre Shida Bazyar eine geeignete Kandidatin.
Das gilt auch für Dana Vowinckel, die in ihrem Roman „Anton und Alma“ eine bittersüße Liebesgeschichte zweier junger Menschen mit komplett unterschiedlicher Sozialisation erzählt. Eine Beziehung, die an der Härte der Gegenwart und ihren politischen Verwerfungen zu zerschellen droht.
Poetisch-versponnene Romane sind auch dabei
Wenig massenpublikumstauglich, aber nerdig-intelligent und poetisch-versponnen sind zwei andere nominierte Romane: Elias Hirschl, der einzige Mann auf der Liste, hat mit „Schleifen“ einen sprachexperimentellen Roman in bester österreichischer Tradition geschrieben, der vor skurrilen Einfällen nur so strotzt.
Und die Bachmannpreisträgerin Valeria Gordeev entwirft in „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ vor dem Hintergrund einer Welt im Kriegszustand eine Familiengeschichte zwischen Kiew, Moskau und Berlin.
Zwangssysteme und Gegenwartsdiskurse
Ein herausragendes Buch über die DDR von den 1960er-Jahren bis in die Nachwendezeit ist Peggy Mädlers Roman „Selbstregulierung des Herzens“, der sehr präzise und klug davon erzählt, ob und wie Menschen sich in einem Zwangssystem entwickeln.
Franziska Gänslers Roman „Orca“ schließlich – die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen, in die sehr viele Gegenwartsdiskurse eingebaut sind – dürfte allenfalls Außenseiterchancen haben.
Verblüffende Entscheidungen bleiben nicht aus
So ist es in diesem Jahr wie so oft: Aus einer recht abstrusen Longlist hat die Jury eine passable Shortlist herausdestilliert. Eine Entscheidung ist dann aber doch einigermaßen verblüffend:
Dass die Jury Ingo Schulze und seinen exzellenten neuen Roman „Das Wasser im August“ unberücksichtigt gelassen hat, ist schlicht ein schwerer Fehler.
Ob die Jury den DDR-Komplex in ihrer Auswahl nicht überbetonen wollte, oder ob Ingo Schulze noch die Nachwirkungen einer bösartigen Kampagne zu spüren bekommt, der er im Frühjahr in Verbindung mit Charlotte Gneuß‘ Roman „Gittersee“ ausgesetzt war, mag dahingestellt sein. Rein literarisch hätte „Das Wasser im August“ dieser Liste sehr gutgetan.
Auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis
Buchkritik Die Vergangenheit mitdenken – Shida Bazyar und ihr Roman „Die Lücken“
Shida Bazyar füllt die Lücken in der Geschichte eines Ortes mit Erzählungen von Fremdheit, Zugehörigkeit, Vertreibung und Heimat. Ein Panorama der letzten hundert Jahre.
Platz 4 (38 Punkte) Dana Vowinckel: Anton und Alma
Er ist Jude, sie nicht. Er stammt aus privilegierten Verhältnissen, sie nicht. Dann kommt der 7. Oktober. Gibt es noch eine Chance?