Star der Literaturszene
Ingeborg Bachmann, geboren vor 100 Jahren, war ein Star der Literaturszene ihrer Zeit und frühe Feministin. Sie zählt zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts.
Ihre Sprache ist poetisch und präzise, ihre Themen universell: Liebe, Verlust, Identität und die Abgründe menschlicher Existenz.
Mit einer einzigartigen Sensibilität und sprachlichen Bildkraft erzählt sie von den inneren und äußeren Krisen des Lebens.
Zu ihrem 100. Geburtstag: Ein literarischer Kosmos
Bachmann 100 – Erzählungen einer Ikone in ARD Sounds
Anlässlich ihres 100. Geburtstages erscheinen an dieser Stelle vom 1. bis 22. Juni 2026 jede Woche in vier Gruppen Texte aus ihrem erzählerischen Werk. Ein literarischer Kosmos, der bis heute bewegt und inspiriert:
Frühe Erzählungen
Ingeborg Bachmann wurde 1926 in eine bildungsbürgerliche Familie in Klagenfurt hineingeboren, in der auch der Nationalsozialismus präsent war.
Ihre frühen Erzählungen spiegeln somit die Emanzipation vom Wertekanon ihres Herkunftsmilieus wider, hin zu der prägenden, kritischen Stimme der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, die sie wurde.
Frühe Erzählungen: Die Fähre
Ein Fluss, ein Fährmann, ein Schlossherr und eine junge Frau - erschienen 1946 in einer Klagenfurter Illustrierte, ist „Die Fähre“ die erste Veröffentlichung von Ingeborg Bachmann: poetisch, vieldeutig und rätselhaft.
Produktion: NDR 2026
Frühe Erzählungen: Ein Geschäft mit Träumen
In einem unscheinbaren Geschäft entdeckt ein beflissener kleiner Angestellter käufliche Träume. Sie kosten kein Geld, sondern Zeit - Zeit, die er nicht hat. Bachmanns kleine Erzählung aus dem Jahr 1952 trägt kafkaeske Züge.
Produktion: NDR 2026
Frühe Erzählungen: Der Schweißer
Einem jungen Schweißer, der bei den Stadtwerken arbeitet und eine kranke Frau zuhause hat, wird die Entdeckung der Literatur zum Verhängnis: Eines Abends findet er, der vorher noch nie gelesen hat, in seinem Stammcafé ein Buch mit dem Titel „Die fröhliche Wissenschaft“. Er beginnt zu lesen und kann nicht mehr aufhören.
Produktion: WDR 1996
Frühe Erzählungen: Portrait von Anna Maria
Über Tote soll man nur Gutes reden, heißt es. Nach dem frühen Tod der Malerin Anna Maria fällt der Erzählerin allerdings nur Lästerliches ein. Im Lauf der Zeitfragt sie sich: War es zu viel Gerede?
Produktion: HR 1996
Das dreißigste Jahr
Ingeborg Bachmann entwarf diese sieben Erzählungen in den Jahren 1956 und 1957. Sprachmächtig, sensibel und bildreich erzählen sie von existentiellen Krisen, von Liebe und Verzweiflung.
Jugend in einer österreichischen Stadt
Blasse Häuser, ein toter Hafen, eine Baumgruppe, die immer noch steht. Ein Durchreisender versucht, seine Kindheit in der Kleinstadt in seinen Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Szenen von flüchtiger Schönheit, vom Krieg versehrt.
Produktion: SWR 2026
Das dreißigste Jahr
Ein junger Mann, der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag steht, nimmt schlagartig wahr, dass die Leichtigkeit des Seins unwiederbringlich vorüber ist, und stürzt in eine tiefe Existenzkrise. Produktion: SWR 2026
Alles
Ein Sohn wird geboren und zur Besessenheit seines Vaters. Denn liegen nicht alle Möglichkeiten in ihm verborgen, ein neuer, ein guter Mensch zu werden? Doch die Entwicklung nimmt eine andere Wendung. Dem großen Verlust gehen kleine Verluste unaufhaltsam voraus.
Produktion: SWR 2026
Unter Mördern und Irren
Ein Wirtshausstammtisch, zehn Jahre nach dem Krieg. Heldengeschichten von der Front, von leisem Widerstand und guten alten Zeiten. Im labilen Gleichgewicht zwischen Tätern und Opfern beginnt in der Nachkriegszeit schon das neue Morden.
Produktion: SWR 2026
Ein Schritt nach Gomorrha
Eine junge Frau bleibt nach einer Gesellschaft bei der Musikerin Charlotte zurück und will nicht gehen. Ihre beharrliche Anwesenheit stellt Charlottes gesamte Lebenskonstruktion in Frage. Produktion: SWR 2026
Ein Wildermuth
Die Wahrheit ist zur Obsession des Richters Anton Wildermuth geworden. Doch was ist die Wahrheit letztendlich? Wo beginnt sie durch Auslassungen halbwahr zu werden, wo droht sie durch Ausschweifungen im Erzählen auszufransen? Wann wird sie zum Wahn?
Produktion: SWR 2026
Undine geht
Die Nymphe Undine verlässt das Wasser, ihren Lebensraum, aus Liebe zu einem Mann. In einem bitteren Monolog erzählt sie vom Verrat des Liebsten. Eine gnadenlose Abrechnung mit den Geschlechterverhältnissen der 1950er Jahre.
Produktion: SWR 2026
Kritische Schriften
Die kritischen Schriften von Ingeborg Bachmann sind erst 2005 herausgegeben worden. Sie offenbaren eine politische und philosophische Dimension, die sich auch hinter ihrem lyrischen und erzählerischen Werk verbirgt. Klar und mit dem ihr eigenen Duktus bewegt sich die Autorin zwischen Poesie und Intellekt.
Entwürfe zur politischen Sprachkritik
Ende der 1950er Jahre verfasste Ingeborg Bachmann diesen Text, der erst 2005 aus dem Nachlass ediert wurde und singulär in ihrem Werk steht. Darin verbindet sie Text- und Gesellschaftskritik miteinander und beschäftigt sich mit den Komponenten Milieu und Sprache, Sprache zwischen Mann und Frau, sowie dem Sprachgebrauch rund um Europa und dem Begriff des „Westens“.
Produktion: WDR 2006
Über das Ich
In der dritten ihrer berühmten Frankfurter Poetikvorlesungen beschäftigt sich Ingeborg Bachmannn mit dem „Ich“. Die Autorin, die später häufig mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, lediglich die eigenen Inhalte zu poetisieren, entfaltet hier anhand von Beispielen aus der Literatur von Céline bis Proust und Beckett die komplexe Beziehung zwischen einem literarischen „Ich“ und seinem Autor.
Produktion: WDR 2006
Späte Erzählungen
Ingeborg Bachmanns Spätwerk mit dem Erzählband „Simultan“ aus dem Jahr 1972 und ihrem einzigen Roman „Malina“ von 1971, der teilweise als Autobiographie gelesen wird, gilt als Meilenstein der deutschsprachigen Literatur seit 1945. Spätere Generationen von Autorinnen, darunter Elfriede Jelinek, sahen darin die ersten Äußerungen feministischen Bewusstseins.
Ingeborg Bachmann schreibt über Wahrheit und Moral, das Verhältnis von Mann und Frau, die Macht von Sprache – intensiv, poetisch und humorvoll.
Simultan
Die Titelerzählung von Bachmanns zweitem Erzählband von 1972. Nadja und Ludwig, eine Simultandolmetscherin und ein Diplomat, unternehmen einen Ausflug durch Mittelitalien und scheitern an sich selbst und ihrer sprachlichen Obdachlosigkeit.
Produktion: NDR 2026
Der Tod wird kommen
Gibt es so etwas wie ein Familiengedächtnis? In ihrer Erzählung beschreibt Ingeborg Bachmann den Familienverbund als “Gedächtnisschwamm“, in dem das Gedenken an die Toten kollektiv aufbewahrt wird, nicht ohne sich dabei die eine oder andere Erinnerung passend zurechtzubiegen.
Produktion: WDR 1989
Ihr glücklichen Augen
Wie lebt es sich mit extremer Kurzsichtigkeit? Miranda empfindet es als Geschenk des Himmels. So muss sie das Elend dieser Welt nicht an sich heranlassen. Eine Erzählung über das Ausblenden der Wirklichkeit und ihre Folgen für das Leben und die Liebe.
Produktion: NDR 2026
Das Gebell
Leo ist ein berühmter Mediziner, seine Mutter eine einsame alte Dame. Ihre Schwiegertochter Franziska kümmert sich um sie, auch noch als sich Leo längst getrennt hat.
Produktion: HR 2026
Auszug aus Malina
Der Roman "Malina", erschienen 1971, ist Teil des "Todesarten-Projekts" von Ingeborg Bachmann und als einziger Teil fertiggestellt. Es ist das Buch "einer Beschwörung, eines Bekenntnisses, einer Leidenschaft" und eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte: Malina und die Ich-Erzählerin sind zwei Seiten einer Figur, dazu kommt die Beziehung der Ich-Erzählerin mit Ivan. Doch die Liebe der beiden scheitert. Die Ich-Erzählerin erlebt Alpträume und verschwindet im letzten Kapitel „in der Wand“. Malina als männlicher Teil des Ichs kann weiterleben. Produktion: SDR 1971