Literaturwissenschaftlerin Barbara Hahn

Autorinnen im Literaturbetrieb: „Niemand konkurriert mit Bachmann“

Während Schriftsteller mit einem einzigen Namen auskommen, verschwinden Autorinnen hinter Pseudonymen, Doppelnamen oder werden mit „die“ benannt. Warum spielt das Geschlecht immer noch so eine zentrale Rolle?

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Von Autor/in Eeva Aichner

Die Herren der Literaturgeschichte

Ein Wort genügt, um die meisten Herren der Literaturgeschichte zu benennen. Sie heißen kurz und prägnant: Goethe, Heine, Rilke, Benn. Und die Autorinnen? George Sand, ein Männername als Pseudonym. Else Lasker-Schüler, ein Doppelname. Veza Canetti, ein weltberühmter Ehename, der das Werk der geborenen Venetiana Taubner-Calderon verdeckt.

„Goethe, da braucht es keinen Vorname dazu, da braucht es keine andere Bezeichnung, es ist klar, wer das ist“, sagt Barbara Hahn. Die Literaturwissenschaftlerin hatte 1991 bei Suhrkamp die einflussreiche Studie „Unter falschem Namen. Von der Schwierigen Autorschaft der Frauen“ veröffentlicht.

Frauen, sagt sie, wechselten in unserer Kultur im Gegensatz zu Männern meistens den Namen. „Erst hat sie den Nachnamen des Vaters und dann wenn sie heiratet, trägt sie den Namen des Mannes. Aber sie hat keinen Eigennamen.“

Warum ist Autorschaft überhaupt wichtig?

Der Name habe, für Autorschaft, so Hahn, eine so große Bedeutung, „weil wir in unserer Kultur eigentlich nur Texte lesen können, die wir identifizieren.“ Seit etwa 1800 würden Texte mit einem Autornamen identifiziert – und ohne diesen Autornamen könne man in der Tradition einfach wieder verschwinden, sagt die Forscherin.

Wer nicht benannt werden kann, wird also vergessen. Namen markieren uns, sie ermöglichen uns, auf andere Menschen zu verweisen. Und erinnert zu werden. Ohne Namen in die Öffentlichkeit zu treten, ist unmöglich.

Historisch war der Zugang in die Öffentlichkeit lange Männern vorbehalten. Deswegen schrieben viele Frauen unter männlichen Pseudonymen: George Eliot, eigentlich Mary Ann Evans. Currer Bell, eigentlich Charlotte Brontë. Bis heute verschleiern Autorinnen im Namen das Geschlecht, mit Kürzeln etwa, wie die weltberühmte J.K. Rowling.

Karlsruhe / Rheinstetten

Im Gespräch auf der art Karlsruhe Ein Roman wie eine Collage – Miku Sophie Kühmel im Gespräch über ihren Roman „Hannah“

Eine queere Liebe in den 1920er Jahren: Miku Sophie Kühmel setzt der Künstlerin Hannah Höch und ihrer Liebe zu der Autorin Til Brugman mit Hannah“ ein literarisches Denkmal.

Vor Ort SWR Kultur

Oder benennen sich selbst, wie die Autorin Miku Sophie Kühmel, die sich selbst einen Vornamen gegeben hat. Sich selbst zu benennen, versteht sie als Akt der Selbstbehauptung.

Kühmel hat ihren dritten Roman „Hannah“ der Montage-Künstlerin gewidmet. Statt Anna Therese Johanna Höch einfach: Hannah – ein „klarer, sehr Dada-fähiger, spiegelbarer Palindrom-Name“, sagt sie. Und ein Teil ihrer Identität als Künstlerin.

Gemälde der Schriftstellerin Karoline von Günderrode
Karoline von Günderrode

Sprachverwirrung bei der Bezeichnung von Autorinnen

Ein Künstlerinnenname, ein Pseudonym? Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet da so viel wie „fälschlich so genannt“. Laut Barbara Hahn schreiben aber nicht nur Autorinnen mit Pseudonym „unter falschem Namen“.

„Rahel“, „Bettina“, „Dorothea“ oder „Karoline“. Selbst in der Forschung ist es üblich, Autorinnen zu bezeichnen, als wären sie Freundinnen. Bei den männlichen Autoren der Zeit unvorstellbar. „Der Johann Wolfgang kann wirklich schreiben“ – sowas würde niemand sagen.

Dieses Ausweichen auf den Vornamen liegt auch daran, dass die Nachnamen der genannten Frauen oft zwei sind: „Levin Varnhagen“, „Brentano-von Arnim“ oder „Mendelssohn-Schlegel“. Das ist nicht nur kompliziert, als Ehefrauen, Töchter oder Schwestern berühmter Männer sind diese Namen auch schon besetzt.

Und Karoline? Zu „der Günderrode“ gehört kein prominenter Mann, aber: „Der Artikel markiert, dass wir Texte von Männern immer noch anders lesen als Texte von Frauen. Der Artikel markiert, dass Texte nicht gleich Texte sind. Wir haben da immer noch andere Kriterien dabei, die wir mitlesen. Sonst würden wir das nicht sprachlich markieren“, sagt Hahn.

Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann bei einer Lesung im Jahr 1971
Ingeborg Bachmann bei einer Lesung, 1971

Niemand konkurriert mit Bachmann

Während niemand „der Novalis“ oder „der Goethe“ sagen würde, hat sich eine Markierung mit dem Artikel „die“ in die Benennung von Autorinnen mit dem bloßen Nachnamen eingeschlichen: „die Günderrode“, „die Droste“ – wohlgemerkt statt „Droste-Hülshoff“. Das Phänomen setzt sich bis ins 20. Jahrhundert fort: „die Lasker-Schüler“, „die Kaschnitz“, „die Jelinek“, „die Bachmann"

Barbara Hahn meint: „Es gibt keinen anderen Dichter, der Bachmann heißt. Niemand konkurriert mit Bachmann. Aber wir sagen: ‚die Bachmann‘, und sagen damit: Hier hat eine Frau geschrieben, Vorsicht, das muss anders gelesen werden, als wenn es ein Mann geschrieben hätte. Dieses Problem schleppen wir seit 1800 zwar in veränderter Weise, aber bis heute, mit uns herum.“

Abgesehen davon, dass wir durch diesen Fokus so etwas wie „Frauenliteratur“, die es nicht gibt, manifestieren, geraten viele Autorinnen in Vergessenheit, während wir ganze Epochen nach einzelnen Autoren benennen.

Mit Goethe, so Hahn, habe dieses Problem angefangen, virulent zu werden. Seitdem würden die Frauen, die um ihn herum lebten, „durch die Geschichte irrlichten“: „Und man weiß nie richtig, wie man sie eigentlich bezeichnen soll.“

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Was hat sich seit der „Goethezeit“ getan?

Was hat sich seit der sogenannten „Goethezeit“ getan? „Es hat sich sicher etwas verändert. Also niemand würde sagen: Die Ingeborg hat aber hübsche Gedichte geschrieben. Das gehört sich nicht mehr.“ Gender bleibe aber, so Hahn, ein wichtiger Faktor: „Wir markieren immer noch das Faktum, dass es zwei Geschlechter gibt, wenn es ums Schreiben geht.“

Man könnte natürlich, so Hahn, die Frage stellen: Wieso eigentlich zwei? „Warum markieren wir das in einer Weise, die auf diese Dualität der Geschlechter abhebt? Das ist ja gar nichts Gegebenes. Das ist eine kulturelle Erfindung, an der wir kleben. Und die Frage ist, warum brauchen wir die eigentlich nach wie vor?“

Nonbinarität ist häufig Thema in Texten und nonbinäre Autor*innen sind mittlerweile feste Instanzen im Literaturbetrieb: Die nichtbinäre Person Kim de l’Horizon (übrigens auch ein selbstgewählter Name) gewann 2022 den Deutschen Buchpreis. In Debatten rund um den Roman „Blutbuch“ und die schreibende Person merkt man, wie unmöglich es ist, das Thema Gender zu ignorieren.

Wie Kim de l’Horizon selbst einmal anmerkte: „Ich will ja eigentlich auch nicht so darüber reden, ich werde jetzt nur ständig dazu gebracht, darüber zu reden und ich glaube das zeigt, dass es ein großes Bedürfnis danach in der Gesellschaft gibt.“

Die Autorperson Kim de l'Horizon
Kim de l'Horizon ist ein Kunstname, ein Anagramm des bürgerlichen Namens.

Wie kann gendergerechte Namensgebung in der Literatur aussehen?

Was wäre aber das Ideal? Wie kann ein Konzept der gendergerechten Namensgebung in der Literatur aussehen? Barbara Hahn führt ein radikales Gedankenexperiment des französischen Poststrukturalisten Michel Foucault an: „Er hat mal vorgeschlagen, ein Jahr lang alle Texte anonym zu publizieren, und er sagt: niemand wäre in der Lage, die zu lesen“, sagt Hahn.

Wäre diese totale Neutralität die Lösung, um das Geschlecht der Autorinnen und Autoren bei der Lektüre zu entmachten? „Ich bin immer wieder verblüfft, dass es nach wie vor so wichtig ist, immer zu markieren, wer das war. Das Wer ist aber nicht einfach nur durch einen Nachnamen zu erledigen, sondern zielt immer auf die Frage: Mann oder Frau?“

Warum schreibende Frauen in den Fokus gerückt werden müssen

Nichtsdestotrotz gibt es gute Gründe, schreibende Frauen immer wieder in den Fokus unserer Wahrnehmung zu rücken. Vor allem, wenn es um Kanonisierung, also die überzeitliche Anerkennung eines Werkes geht. „Werkausgaben seien der Inbegriff der Kanonisierung. Sie brauchen ja nur mal durch eine gute Bibliothek durchgehen: da stehen viele von Männern neben erheblich weniger von Frauen.“

Das gilt sogar für die großen Denkerinnen der Moderne. Barbara Hahn gibt aktuell die kritische Edition der Werke von Hannah Arendt mit heraus – eine Autorin, die 1975 starb. Und trotzdem erschien der erste Band 2018.

„Da sieht man eine Verspätung und eine Ungleichheit, die hat damit zu tun, dass es sich bei Hannah Arendt um eine Frau handelt.“ Die Werkausgaben von anderen großen jüdischen deutschen Intellektuellen seien schließlich schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren gemacht worden.

Barbara Hahns Studie zur „schwierigeren Autorschaft der Frauen“ ist 35 Jahre alt – und leider noch nicht überholt.

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Eeva Aichner