Nadja Küchenmeister hat in ihrer Dankesrede für den Peter Huchel Preis 2026 erklärt, was sie sich als Lyrikerin so alles herausnimmt und damit auch deutlich gemacht, was Lyrik alles vermag:
Ich erfinde Orte, die ich kenne, und ich kenne mich aus an Orten, an denen ich nie war. Ich manipuliere Zeit. Eine Minute wächst an auf das Volumen einer Stunde. Eine Woche dampfe ich ein zu einer Sekunde. Ich erzeuge Doppelbelichtungen, lege den Küchentisch mit Zuckerdose und Kaffeebecher aus meinem 45. Lebensjahr über die Betonmischmaschine vor 40 Jahren. Ein Augenblick ist kein Bild im Rahmen an der Wand, kein Foto mit gezackten Rändern im Album, denn er faltet sich auf in ein Davor und ein Danach.
Es sind diese Doppelbelichtungen, die Nadja Küchenmeisters Lyrik so wunderbar glitzern lassen. Zeit und Raum verschwimmen, so wie gleich zu Beginn ihres Langgedichts, das dem ganzen Gedichtband den Titel gab: „Der Große Wagen“.
Erinnerungen tauchen auf und wieder ab, ganz ohne ihr Zutun, sagt Nadja Küchenmeister. Erinnerungen an ihre Kindheit in der ehemaligen DDR, an eine Liebe, die nicht hielt oder an ihr wichtige Menschen, die verstorben sind. Nadja Küchenmeisters Gedichte erzählen von Verlusten, von Abschieden – großen und kleinen.
Und das kann Nadja Küchenmeister auch: von schweren, ernsten Zeilen, blitzschnell in einen schnoddrigen Tonfall switchen. Und von den großen, weitentfernten Gestirnen – wie dem Großen Wagen – zu den alltäglichen Gegenständen wechseln, die sie umgeben, die aber genauso Fixpunkte unseres Lebens sind.
In seiner Laudatio betonte der Literaturwissenschaftler Christian Metz, dass ihn an Nadja Künchenmeisters Lyrik genau dieses, wie er es nennt „wunderbare Gespür für die Poesie des vermeintlich Selbstverständlichen“ fasziniert. Und stellt fest:
Lyrik ist keine Nischenerscheinung, Lyrik ist eine Elementarerscheinung. Und um dieses Elementare, Basale, um das, worüber wir vielleicht nicht immer nachdenken, aber was das Elementare unseres Lebens ausmacht, dafür hat Nadja Küchenmeister einen Blick. Schauen Sie, eine solche Miniatur, die lautet: Am liebsten hätte ich mehr von dem, was man empfindet, wenn man Tulpen in die Vase stellt.
Die Auszeichnung mit dem Peter-Huchel-Preis bedeutet Nadja Küchenmeister viel. Sie habe dadurch nochmal einen neuen Bezug zu dessen Werk und Leben gewonnen, sagt sie. Am Morgen, kurz vor der Preisverleihung, ist sie durch das hübsche Städtchen Staufen gelaufen, Peter Huchels letzten Wohnort, und hat sein Grab besucht:
Und das ging mir doch sehr nah, muss ich sagen. Er kam ja auch so wie ich aus dem Osten und da sah ich auch Verbindungen hinsichtlich des Gefühls von Verlorensein an einem eigentlich sehr schönen Ort, weil man etwas vermisst, wo man nicht mehr hingelangen kann. Das hat mich sehr für ihn eingenommen.