Dem Leben großer Persönlichkeiten ganz nah

Tagebücher von Anne Frank, Kafka, Thomas Mann & Co. lassen uns in ihre Seele blicken

Wie kommt man näher an die Gedanken eines Menschen als über Tagebücher? Eigentlich kaum – deshalb faszinieren sie uns so, besonders wenn sie das Innere von Persönlichkeiten zeigen, die wir schon ein wenig zu kennen glauben. Fünf Tagebücher zum Schmökern stellen wir vor:

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Von Autor/in Luisa Sophie Klink

Gedanken lesen kann der Mensch nicht. Doch zu wissen, was das Gegenüber denkt, ist reizvoll. Und genau deswegen faszinieren auch Tagebücher so. Denn eigentlich sind sie nichts anderes als aufgeschriebene Gedanken, die grundsätzlich nicht für andere gedacht sind; ein Geheimnis, das gelüftet wird, wenn die Tagebücher veröffentlicht werden und von dem wir uns erhoffen, einen Menschen wirklich zu verstehen und zu lesen.

Tagebuch der Anne Frank (1942 – 1944)

Oh ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.

Eines der wohl berühmtesten und eindrücklichsten Tagebücher der Zeitgeschichte ist das Tagebuch von Anne Frank. Am 12. Juni 1942 bekam die deutsche Jüdin zu ihrem 13. Geburtstag ein rot-weiß kariertes Poesiealbum geschenkt, das sie fortan als Tagebuch benutzte.

In „Kitty“, wie sie es liebevoll nannte, trug sie all ihre Gedanken, Gefühle, Träume und Ängste ein, die sie während ihres jungen Lebens in einem Amsterdamer Hinterhaus, ihrem Versteck vor den Nationalsozialisten, hatte.

Aufgeklapptes Tagebuch von Anne Frank
Zu einem der berühmtesten Tagebücher zählt das Tagebuch der jungen Anne Frank.

Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein.

Tagebuch „Kitty“ als Flucht aus der Isolation und dem Versteck vor den Nazis

Während dieser Zeit lebte sie mehr als zwei Jahre von der Außenwelt isoliert mit ihrer Familie und einem jüdischen Zahnarzt, der dort ebenfalls Zuflucht gefunden hatte. Da sie schon mit fünf Jahren in die Niederlande umsiedelte, sprach sie akzentfreies Niederländisch und schrieb auch ihr Tagebuch in dieser Sprache.

Wie schön ist es, dass niemand einen Moment warten muss, um die Welt zu verbessern.

Den letzten Eintrag in ihr Tagebuch schrieb sie am 1. August 1944. Drei Tage darauf wurde das Versteck entdeckt, die Familie deportiert. Sieben Monate später starb Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Nach dem Krieg erhielt ihr Vater, Otto Frank, die Tagebücher seiner Tochter und veröffentlichte 1947 erstmals Auszüge daraus. 1950 wurden sie auf Deutsch publiziert.

Tagebuch Franz Kafka (1910 – 1923)

Ein Mensch, der kein Tagebuch hat, ist einem Tagebuch gegenüber in einer falschen Position.

Aus literarischen Werken ist sicherlich einiges über die Persönlichkeit eines Schriftstellers herauszulesen, jedoch gewiss nicht so viel wie aus Tagebüchern, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind. So ist dies auch bei dem tschechischen Schriftsteller Franz Kafka. Denn ein nicht unbeträchtlicher Teil seines schriftlichen Vermächtnisses besteht aus persönlichen Mitteilungen und Aufzeichnungen.

Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße ihn bedecken

Literarische Werke verschmelzen mit Tagebucheinträgen

Rund 1.500 Briefe, zwölf Tagebuchhefte, sowie einige Notizblöcke und Konvolute loser Blätter wurden gefunden und lassen uns in Kafkas psychische und soziale Existenz eintauchen, sowie mehr über seine Beziehungen zu fremder und eigener Literatur erfahren.

Durch die Tagebücher lässt sich ein mehrschichtiges Bild des Schriftstellers erschaffen, auch wenn nicht hundertprozentig eindeutig ist, ob Kafka gar mit einer Veröffentlichung rechnete und somit nicht ganz für sich schrieb. Eventuell liegt dies daran, dass Kafka sowohl selbst Tagebücher anderer Schriftsteller verschlang, oder es in seinem Freundeskreis üblich war, sich wechselseitig aus den eigenen Tagebüchern vorzulesen.

Seite aus Franz Kafkas Tagebuch.
Eine der ersten Seiten von Franz Kafkas Tagebuch: „Aber jeden Tag soll zumindest eine Zeile gegen mich geriechtet werden wie man die Fernrohre jetzt gegen den Kometen richtet (...)“.

Teils erscheinen Kafkas Tagebucheinträge geradezu literarisch überformt. So finden sich literarische Einfälle teils auf den gleichen Blättern wie Tagesnotizen, so dass eine klare Trennung der Aufschriebe gar nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Man kann ein Leben nicht so einrichten wie ein Turner den Handstand

Während bei Kafka anfangs noch die Lust an genauer Beschreibung dominierte, wurde das Tagebuch für ihn später mehr und mehr zum Ort der Selbstvergewisserung, Reflexion und Erinnerung. Er suchte Halt und Stabilität in seinen persönlichen Niederschriften.

Ein Indiz, dass bestimmte Teile gänzlich vor der Öffentlichkeit geheim bleiben sollten, waren die Benutzung von Code-Wörtern und dass Eintragungen vor 1909 gänzlich fehlten. In Fachkreisen wird vermutet, dass der Schriftsteller sie persönlich vernichtete.

Tagebuch Thomas Mann (1918 – 1955)

Das Tagebuch ist mein Befreiungs- und Aufräumungsmittel, mein Platz für das Ausscheiden des Unbrauchbaren und Zufälligen.

Die Tagebücher von Thomas Mann sind als eine Art Lebenschronik zu verstehen. Der Leser erhält tiefe Einblicke in das Innerste eines der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Neben radikaler Ehrlichkeit und Selbstreflexion kommen seine inneren Konflikte als Familienvater in einer Ehe und seinen homoerotischen Neigungen – ein Tabuthema zur damaligen Zeit – zum Ausdruck.

Die Zuneigung zu jungen Männern scheint mir das Elementarste und Ursprünglichste in meinem Wesen zu sein.

Gleichzeitig dokumentiert Mann akribisch seine kreativen Prozesse, beschreibt literarische Gedanken und Fortschritte seiner Werke wie etwa bei „Doktor Faustus“ und „Joseph und seine Brüder“ und nimmt den Leser mit in die Welt eines Literaturnobelpreisträgers.

Man wird aber nicht nur Zeuge seines Schaffensprozesses, sondern auch von Alltäglichem und Privatem. Unter anderem erzählt Mann von Besuchen bei Präsident Roosevelt oder einer Privataudienz beim Papst.

Thomas Mann
Der Schriftsteller Thomas Mann hielt sich an strenge Tagesroutinen, doch wie seine Tagebücher zeigen, blieb dies oft ein bloßes Ideal – nicht selten scheiterte er an seinem eigenen Plan für den perfekten Tagesablauf.

Literaturnobelpreisträger spricht offen Tabu-Thema Homosexualität an

Auch zeitgeschichtlich lässt sich den Tagebüchern von Thomas Mann so einiges Interessantes entnehmen, etwa über die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Der Schriftsteller dokumentierte darin den Aufstieg der Nationalsozialisten, seine Exil-Erfahrungen in den USA und die Herausforderungen des Lebens als intellektueller Emigrant.

Ähnlich wie bei Kafka können die Tagebücher auch bei Mann als literarische Meisterwerke angesehen werden, da sie sich durch präzise Sprache, eine feine Beobachtungsgabe und Ironie auszeichnen. Und auch bei Mann gehen Experten davon aus, dass er teilweise eine spätere Veröffentlichung im Hinterkopf hatte.

Lasse es im Unklaren, wie lange dies Dasein währen wird.

Tagebuch von Frida Kahlo (1944 – 1954)

Portrait der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo.
Wenn sich Frida Kahlo mit der Welt auseinandersetzte, malte sie nicht nur, sondern schrieb auch: Gedichte, Briefe an Freunde und, vor allem, an ihren Ehemann Diego Rivera, der auch in ihrem Tagebuch allgegenwärtig ist.

Ich bin nicht krank. Ich bin zerbrochen. Aber ich bin glücklich, so lange ich malen kann.

Das Tagebuch der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo unterscheidet sich insofern von klassischen Tagebüchern, indem sich hierin nicht nur Texte, sondern auch Gemälde finden, die den Gefühlszustand der Malerin abbilden. Sie verfasste es erst in den letzten zehn Jahren ihres kurzen Lebens. Im Alter von 47 Jahren starb sie an einer Lungenembolie, die eine Folge ihres langen Leidenswegs war.

Frida Kahlo wurde durch einen schweren Busunfall im Alter von 19 Jahren mehr oder weniger ans Bett gefesselt und begann erst zu dieser Zeit zu malen. Eine Eisenstange hatte sich quer durch ihren Körper gebohrt und verursachte ihr zeitlebens Schmerzen. Bei der Verarbeitung dieses Schicksals halfen ihr Selbstportraits.

Füße, wofür brauche ich euch, wenn ich Flügel zum Fliegen habe?

Von Eisenstange bei Busunglück durchbohrt – Lebensmut durch Wort und Farbe

In ihrem Tagebuch bekommt der Leser einen neuen Blick auf ihre Kunst und lernt weitere Aspekte ihrer Persönlichkeit kennen, als die, die sie in ihren Gemälden oder Interviews der Öffentlichkeit preisgab. Neben Kunst- und Schöpfungsthemen setzt sie sich darin mit ihrer Liebe zu ihrem Mann Diego Rivera und ihrem unerfüllten Kinderwunsch auseinander, aber auch mit Politik.

Tagebucheintarg von Frida Kahlo
Der Maler Diego Rivera war ihr Lebenspartner, den sie gleich zweimal heiratete. In ihrem Tagebuch beschrieb sie ihn als ihren Ehemann, Freund, Vater, Mutter und Sohn.

Da sie das Tagebuch erst am Ende ihres Lebens schrieb, kann es als eine Art Dokument ihres körperlichen Verfalls angesehen werden. Neben all dem Leid, findet sich aber auch Humor, Fröhlichkeit und ihr Überlebenswille.

So strotzt das Tagebuch gerade vor ihrer phantastischen Vorstellungskraft und zieht das Schreckliche ins Lächerliche, obwohl sich Frida Kahlo intensiv mit ihrem Weg zum Tod beschäftigt. Neben einem Selbstbildnis, bei dem ihr Körper nur noch als von Pfeilen durchzogener Schauplatz von Schmerzen existiert, schreibt sie:

Fröhlich warte ich darauf, das Haus zu verlassen und hoffe, nie wiederzukommen - FRIDA

Tagebuch von Andy Warhol (1976 – 1987)

Don't think about making art, just get it done. Let everyone else decide if it’s good or bad, whether they love it or hate it. While they are deciding, make even more art.

Bei Andy Warhols Tagebüchern ist die Entstehung das Besondere. Denn eigentlich entstanden sie als eine Art Notiz für das Finanzamt. Der Pop Art-Künstler hielt also fest, was er getan hatte – wo er am Vortag war und wie viel Bargeld er ausgab. Im Gegensatz zu den anderen berühmten Tagebuchschreibern ein recht profaner Grund, da es nur darum ging, den Steuerprüfern entsprechende Auskünfte geben zu können.

Daraus resultierten nahezu tägliche Telefongespräche mit Warhols ehemaliger Mitarbeiterin und Vertrauter, Pat Hackett, die sie transkribierte und zwei Jahre nach seinem Tod 1989 veröffentlichte. Warhol soll sich darüber hinaus wöchentlich mit ihr getroffen haben, um gemeinsam Ergänzungen des Gesagten aufzunehmen. Daraus entwickelten sich Gedanken zu Kunst, Prominenten, Gesellschaft und persönlichen Unsicherheiten.

Ich liebe Los Angeles. Ich liebe Hollywood. Sie sind so wunderschön. Alles ist aus Plastik, aber ich liebe Plastik. Ich möchte Plastik sein.

Portrait von Andy Warhol
Die Telefongespräche mit Pat Hackett fanden regelmäßig von Montag bis Freitag statt, während Warhol die Ereignisse des Wochenendes erst am Montag zusammenfasste. Hackett bezeichnete diese Aufgabe scherzhaft als ihren „Fünfminutenjob“, doch in Wirklichkeit dauerten die Gespräche häufig ein bis zwei Stunden.

Von schnöder Finanzamtsnotiz zum Zeitdokument

Dokumentiert ist folglich nicht nur der Alltag, von glamourösen Partys bis zu geschäftlichen Aktivitäten, sondern auch die Gedankenwelt Warhols und die damalige New Yorker Kunst- und Kulturszene. Warhol ging mit Persönlichkeiten wie Yoko und John Lennon, Mick Jagger oder Paloma Picasso ein und aus.

Neben originellen Einträgen, finden sich aber auch immer wieder Notizen über Ängste und Einsamkeit. So macht er sich auch über die Gepflogenheiten und Oberflächlichkeiten der High Society Gedanken und gibt dadurch bislang verborgene Einblicke in die exzentrische Welt der 1970er und 1980er Jahre.

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Feature | Starke Frauen Also muss ich überleben! Savita Wagners ukrainisches Fronttagebuch

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Feature SWR Kultur

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Luisa Sophie Klink