Die Schriftstellerin Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren und kam Ende der 1970er-Jahre mit ihren Eltern in die Bundesrepublik. Fünf Romane hat sie mittlerweile veröffentlicht, stets schmale, klug gebaute und intensive Werke, in denen sich politische Erfahrungen in individuellen Biografien kondensierten. Und auch nach der Lektüre ihres neuen Romans blickt man ungläubig auf die letzte Seitenzahl. 156 steht da!
Auf engem Raum erzählt Katerina Poladjan – nein – nicht ein ganzes Leben oder Zeitalter, doch wehen Spuren davon durch den Text: von der ideologischen Wucht, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Von utopischen Entwürfen, kühnen Versuchen des Aus- und Aufbruchs. Und von den darauffolgenden Entzauberungen.
Auf der Couch seiner Therapeutin, genannt nur die Dottoressa, liegt der Filmregisseur Eli. Wir sind in Rom. Eli erzählt sein Leben und das seiner Familie – seines Großvaters Lew, seines Vaters Felix und seiner Tante Vera. Lew floh mit seinen beiden Kindern aus Odessa. Vera ging auf der Schiffreise über Bord. Felix wurde Architekt und war mitverantwortlich für den Bau des sozialistischen Vorzeigeprojekts Goldstrand.
Elis Mutter Francesca, eine der hinreißendsten Figuren des Romans, die Ende der 1950er-Jahre sich für die neue Linke begeistert, kommt als Teil einer Reisegruppe auf die Goldstrand-Baustelle. Nach einer Nacht mit Felix am Strand kehrt sie schwanger nach Rom zurück. Stimmt das alles? Eli ist ein professioneller Geschichtenerfinder. Und Katerina Poladjan ist eine Meisterin im Weglassen.