Katerina Poladjans Romane packen die Koffer. Fast immer unternehmen sie eine Reise zurück in die Vergangenheit - manchmal nach Süden, zumeist aber nach Osten. Denn Poladjan wurde 1970 in Moskau geboren. Heute lebt sie in Berlin.
Ihr neuer Roman führt an den „Goldstrand", also an die bulgarische Schwarzmeerküste. Dort wird Eli gezeugt, der später in Rom zur Therapie gehen wird. Seine Herkunft macht ihm zu schaffen, auch wenn seine Mutter immer wieder sagt:
„Die Geschichte bist du selbst!" In „Goldstrand" erzählt Katerina Poladjan von Ost und West, von Aufbruch und Rückkehr, von Flucht und frühem Tourismus.
„Das Ich ist eine wackelige Konstruktion“
Filmregisseur Eli liegt bei seiner Dottoressa in Rom auf der Couch. Er ist 60 Jahre alt und macht eine Psychoanalyse. Eli ist viel allein. Seine Großeltern sind tot, seine Mutter hat wenig Interesse an ihm, und Frau und Tochter sind nach Deutschland gezogen. Im neuen Roman von Katerina Poladjan erzählt Eli sein Leben in wahren und erfundenen Geschichten.
„Das Ich ist eine wackelige Konstruktion“, sagt Katerina Poladjan im Gespräch mit SWR Kultur. „Elis Erzählen ist ein Akt der Selbstvergewisserung. Bei Freud heißt es, dass eine Biographie nur als Narrativ zu begreifen ist. Deswegen erfindet sich Eli eine Biographie. So kann er sein Leben besser ertragen.“
Eli wurde am bulgarischen „Goldstrand“ gezeugt
Schon in seinen teils preisgekrönten Filmen ersann Eli die Geschichte seiner Familie. Auch von diesen Filmen erzählt er der Dottoressa, als wären sie wahr.
Wenig Fiktion ist nötig für die italienische Familie mütterlicherseits. Mehr filmische Fantasie braucht er allerdings für die russisch-bulgarische Vater-Seite, denn sein Vater war ein aus Russland geflohener bulgarischer Architekt. Eli wurde 1960 am bulgarischen „Goldstrand“ gezeugt. Es war ein One-Night-Stand.
„Elis Mutter hat ihm nichts von seinem Vater erzählt. Gegen diesen blinden Fleck kämpft er zeitlebens an“, sagt Katerina Poladjan.
Platz 1 (115 Punkte) Katerina Poladjan: Goldstrand
Auf engem Raum erzählt Katerina Poladjan von der ideologischen Wucht, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Von utopischen Entwürfen, kühnen Versuchen des Aus- und Aufbruchs. Und von den darauffolgenden Entzauberungen.
Wo sich Ostler und Westler heimlich treffen konnten
Katerina Poladjan war in den Schulferien oft am Goldstrand. Sie wurde 1971 in Moskau geboren. 1977 verließ die Familie die Sowjetunion und kam zuerst nach Ostia bei Rom.
Die Familie konnte die in Russland zurückgebliebene Großmutter ausschließlich in Bulgarien treffen. Natürlich heimlich. Denn in den Hotels am Goldstrand durften Menschen aus Ost und West Urlaub machen. Eine touristische Utopie.
„Der Goldstrand ist ein palimpsesthafter Ort“, sagt Katerina Poladjan. „Die verschiedenen Schichtungen der Hotelgenerationen und die uneingelösten Versprechen dieses Ortes haben mich interessiert.“
Eigene Erinnerungen im Film „Ancora un dialogo di Roma”
„Das Gegenmodell zum bröckelnden Goldstrand ist Rom“, sagt Katerina Poladjan, „denn dort hat sich seit 2.000 Jahren kaum etwas verändert.“
In Rom hat sie zuletzt – gemeinsam mit Mann Henning Fritsch und Sohn – zehn Monate verbracht, denn sie hatte ein Stipendium in der Villa Massimo. In dieser Zeit sammelte sie Inspiration für ihren neuen Roman „Goldstrand“ und produzierte gemeinsam mit ihrem Mann einen kurzen Rom-Filmessay.
In Reaktion auf Marguerite Duras‘ Film „Un dialogo die Roma“ (1982) heißt Poladjans Film „Ancora un dialogo di Roma”. Darin erzählt sie von ihren Kindheitserinnerungen an Rom und Ostia.
Verknüpft wird dies mit mitgeschnittenen Bildszenen aus dem römischen Alltag. „Ich habe immer das abseitige Rom gesucht“, sagt sie. „Ich habe versucht, mich an die Zeit zu erinnern, die ich dort als Kind verbracht habe. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich kaum erinnern kann.“
Die Texte, die Poladjan im Film aus dem Off spricht, sind kurz. „Für mich sind es Erinnerungsfragmente, die wie ein nervöser Wind durch den Film gehen.“
Der „Große Preis des deutschen Literaturfonds” für Katerina Poladjan
Im Roman „Goldstrand“ geht es um die Spuren und Folgen des Kommunismus und auch des – hier vor allem italienischen – Faschismus.
Ein Roman über die großen, grausamen Systeme des 20. Jahrhunderts? „Ja, das treibt mich ja in all meinen Büchern um“, sagt Katerina Poladjan. Eli lebt in der Villa seiner Großeltern, die den Duce verehrten. Sein Vater war ein Architekt des Kommunismus. Seine Tochter wiederum gibt Führungen in der Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin, einem ehemaligen KZ.
Dieses Jahr erhält Katerina Poladjan den Großen Preis des deutschen Literaturfonds für ihr Gesamtwerk unter besonderer Berücksichtigung des Romans „Goldstrand“.
„Ihre Romane sind Schatzkästchen“, schreibt die Jury. „An einer Figur oder einem Gebäude, einem einzelnen erzählten Tag oder einer therapeutisch aufgearbeiteten Lebensgeschichte kann die 1971 in Moskau geborene Katerina Poladjan die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts in all ihrer Ambiguität aufblättern.“
Zwischen Mimetik und Brecht’scher Verfremdung
„Goldstrand“ ist Katerina Poladjans fünfter Roman. Ihre Bücher sind eher dünn.
Warum? „Ich schreibe im Zustand absoluter Nüchternheit“, erzählt sie. „Ich arbeite konzentriert und kontrolliert. Zunächst schreibe ich recht viel, aber dann reduziere ich. Ich lasse am Ende nur stehen, was ich für essentiell halte.“
Denn ein Text auch das, was er nicht erzählt. „Für mich ist ein emanzipatorisches Lesen sehr wichtig. Natürlich suche ich die mimetische Verschmelzung und erfinde Figuren, mit denen man sich emotional identifizieren kann. Aber gleichzeitig suche ich die Brecht’sche Verfremdung. In dem Dazwischen kann dann etwas auf einer dritten Ebene entstehen. Und wenn das gelingt, dann freue ich mich.“