Diskutiert auf Platz 3 der SWR Bestenliste Juni 2026
Heinrich von Kleists Erzählung „Michael Kohlhaas“, erschienen 1810, gehört zum Kanon der deutschen Literatur. Es ist die Geschichte des Rosshändlers Michael Kohlhaas, dessen Rechtsgefühl, wie es heißt, ihn „zum Räuber und Mörder“ macht. Weil die Obrigkeit den Mann nicht ernst nimmt, wird er Selbstjustiz üben.
Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, gilt als literarisch ambitionierte Kritikerin kapitalistischer Verhältnisse. In ihrem viel beachteten Buch „Saisonarbeit“ berichtete sie von ihrer Anstellung als Aushilfskraft beim Amazon-Konzern. Und in „Verzweiflung“ ging es um das Gefühl der Ohnmacht in einer menschenfeindlichen Welt. Nun also der Kohlhaas. Eine Überschreibung, ein Wagnis. Was es dafür braucht, ist eine gegenwärtige Entsprechung der Kleist’schen Pferde.
Bei Geißler geht es um ein Gebäude, das viel mehr ist: „Die Tronkenburg war eine alte Kneipe im Erdgeschoss eines Plattenbaus, der sich in einer verkehrsberuhigten Zone mit einer Mischung aus Gründerzeithäusern und sanierungsbedürftigen Plattenbaukomplexen befand. Die Tronkenburg war eine echte Kneipe, zudem ein Ort, an dem niemand Groll zu hegen schien.“
So ein Ort darf in unserer Zeit offenbar nicht existieren; ein Immobilienhai nimmt sich der Sache an. Daraufhin entscheidet sich Michaela Kohlhaas für ein Leben auf der Straße. Als die Geschichte von der Erzählerin aufgeschrieben wird, ist die Hauptfigur bereits gestorben. Zuvor hat sie den zivilen Ungehorsam gelebt und die Konsequenzen dafür getragen.