Die neuen Bühnen der Gesellschaft
Ein Roman wird zum Bestseller, weil ihn plötzlich tausende von Menschen auf TikTok in die Kamera halten. Museen beschäftigen neuerdings Influencer, die aufwendige Reels für Instagram produzieren, Theater werben mit kurzen Videoclips, um ein jüngeres Publikum in die Säle zu führen und Autorinnen sowie Autoren pflegen ihre Community in sozialen Netzwerken fast so intensiv wie ihre Manuskripte.
Kultur hat ihren Ort verlagert. Sie findet längst nicht mehr nur in realen Räumen statt, in Theatern, Museen, Kinos oder zwischen Buchdeckeln. Heute spielt sie sich auch in Feeds ab – auf Plattformen, deren Regeln private Unternehmen festlegen.
Was Sarah Wynn-Williams' Enthüllungsbuch über Meta und Kultur erzählt
Genau deshalb ist die deutsche Ausgabe von Sarah Wynn-Williams' Buch „Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor“ mehr als ein weiterer Enthüllungsbericht aus dem Silicon Valley. Unter dem Originaltitel „Careless People“ löste das Buch bereits zur Erstveröffentlichung im vergangenen Jahr international Debatten aus.
Meta ging umgehend juristisch dagegen vor – mit einem Teilerfolg. Zwar gelang es dem Medien-Unternehmen nicht, das Buch komplett zu verbieten, aber die Autorin hat, entschieden durch ein Schiedsgericht, ein striktes Redeverbot. Sie darf also weder öffentlich für das Buch werben noch sich kritisch über Meta äußeren. Andernfalls drohen Wynn-Williams empfindliche Geldstrafen.
Das führt mitunter zu absurden Szenen. So saß Wynn-Williams Ende Mai bei der renommierten britischen Literaturveranstaltung Hay Festival eine Stunde lang komplett stumm auf der Bühne, während andere über ihr Buch sprachen. Auf Fragen des Publikums durfte sie nicht mal mit einem Kopfnicken oder -schütteln reagieren.
Der neuseeländischen Juristin und ehemaligen Facebook-Managerin wurde also nicht nur ein „Maulkorb“ angelegt, vielmehr hat man das Gefühl, sie wurde gleich in ein Korsett gesteckt.
Wynn-Williams erzählt nicht nur von ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Ihr Buch handelt von einer Entwicklung, die unseren Alltag längst verändert hat: Soziale Netzwerke sind zu den neuen Bühnen der Gesellschaft geworden. Wer sie kontrolliert, kontrolliert auch eine Teil der Aufmerksamkeit, die gesellschaftliche Debatten bestimmt.
Wynn-Williams schreibt über Datenmacht, Fake News und den Preis der Aufmerksamkeit
Wer das Buch allein als Abrechnung mit Facebook liest, greift zu kurz. Wynn-Williams beschreibt einen Konzern, der nach ihrer Darstellung wirtschaftliche Interessen immer wieder über gesellschaftliche Verantwortung gestellt habe. Meta weist diese Vorwürfe zurück.
Es geht um den Umgang mit Nutzerdaten, um Desinformation, um Hassrede und den Schutz von Minderheiten. Es geht um politische Einflussnahme und um die Frage, wie weit ein globales Technologie-Unternehmen bereit ist zu gehen, um neue Märkte zu erschließen. Das eigentliche Thema dahinter ist jedoch Aufmerksamkeit. Denn wer die Plattform besitzt, besitzt auch einen Teil der Infrastruktur, auf der gesellschaftliche Debatten stattfinden.
Facebook und Instagram verändern die Kultur
Früher entschieden Feuilletons, Literaturkritikerinnen oder Kuratoren maßgeblich darüber, welche Bücher, Ausstellungen oder Theaterstücke öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Heute konkurrieren sie mit Algorithmen. Doch der Algorithmus ist kein Kulturkritiker, er fragt nicht, ob ein Gedicht sprachlich brillant ist oder eine Ausstellung kunsthistorisch bedeutend. Er bewertet Interaktion, Reichweite und Verweildauer.
Für Kulturinstitutionen hat das Folgen. Sie müssen nicht nur gute Programme machen, sondern auch sichtbar bleiben. Museen werden zu Content-Produzenten, Theater zu Videostudios, Schriftstellerinnen zu Marken.
Die US-Sozialwissenschaftlerin Shoshana Zuboff spricht in diesem Zusammenhang von einem „Überwachungskapitalismus“. Ihre These: Digitale Plattformen nutzen menschliche Erfahrungen als Rohstoff, verwandeln sie in Verhaltensdaten und machen sie wirtschaftlich verwertbar.
IT-Infrastruktur Weg von Google und Paypal – Wie die EU digital unabhängiger werden will
Suchmaschinen, online Bezahlen, Cloud-Server: Die meisten digitalen Dienastleistungen in der EU übernehmen Big-Tech-Konzerne aus den USA. Die Abhängigkeit ist ein Problem.
Donald Trump und der politische Kurswechsel bei Meta
Die Regeln dieser digitalen Bühnen verändern sich nicht nur durch technische Innovationen, sondern auch durch politische Machtwechsel. Während der Corona-Pandemie drängte die Regierung von Joe Biden große Plattformen dazu, stärker gegen Desinformation vorzugehen. Mit dem politischen Comeback Donald Trumps änderte Meta seinen Kurs.
Anfang 2025 kündigte Konzernchef Mark Zuckerberg an, in den USA auf externe Faktenprüfer zu verzichten und stärker auf Community Notes zu setzen. Er sprach selbst von einem „kulturellen Wendepunkt“.
Solche Entscheidungen reichen weit über die amerikanische Innenpolitik hinaus. Wenn Plattformen ihre Regeln ändern, verändern sich auch die Räume, in denen politische, kulturelle und soziale Konflikte ausgetragen werden.
Europa versucht, die Macht von Meta zu begrenzen
Während in den USA über Meinungsfreiheit und Moderation gestritten wird, setzt die Europäische Union spätestens seit 2022 auf Regulierung. Der Digital Services Act, also das Gesetz über digitale Dienste, verpflichtet große Plattformen wie Meta zu mehr Transparenz. Sie müssen über ihre Moderationspraxis berichten und Forschenden unter bestimmten Voraussetzungen Zugang zu Daten ermöglichen.
Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Kann Politik die Funktionsweise digitaler Plattformen ausreichend kontrollieren, wenn ein großer Teil der Öffentlichkeit längst dort stattfindet? Einige Fachleute halten die Vorgaben allerdings für unzureichend und bezweifeln, dass sie der Marktmacht der großen Plattformen wirksame Grenzen setzen können.
Martin Andree: „Faktisch regulieren die Tech-Plattformen uns“
Der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree warnt seit Jahren vor der wachsenden Marktmacht großer Technologieplattformen. In Interviews und Publikationen vertritt er die These, dass digitale Konzerne zunehmend die Bedingungen öffentlicher Kommunikation bestimmen und staatliche Regulierung ihnen bislang nur begrenzt Grenzen setzt.
Andree beschreibt damit eine Entwicklung, die weit über Facebook oder Instagram hinausgeht. Wer die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation kontrolliert, prägt auch die Bedingungen kultureller Teilhabe. Natürlich ersetzen soziale Netzwerke keine Bühne und keinen Ausstellungsraum. Aber sie entscheiden immer häufiger darüber, wer den Weg dorthin findet.
Dass „Careless People“ nun auf Deutsch erscheint, ist deshalb mehr als eine internationale Buchveröffentlichung. Es ist ein Anlass, über eine Entwicklung nachzudenken, die längst den Alltag von Künstlerinnen, Verlagen, Kulturinstitutionen und Publikum prägt.