Buchkritik

Woher der Hass auf die liberale Demokratie kommt: „Zerstörungslust“ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey

Der öffentliche Diskurs wird zunehmend von destruktiven Kräften heimgesucht. In ihrem neuen Buch zeigen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, warum eine politische Affektanalyse wichtig ist.

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Stand

Von Autor/in Leander Scholz

Als 1950 in den USA die berühmte Studie zur autoritären Persönlichkeit erschien, war noch nicht abzusehen, dass sie eine ganze Nachkriegsgeneration prägen sollte. 

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hatte gerade erst begonnen, obwohl schon früh deutlich war, dass sich die Schuldfrage nicht auf einzelne Täter beschränken ließ. 

Maßgeblich mitgewirkt an der Studie hatte Theodor W. Adorno, der 1938 in die USA emigrieren konnte und nach seiner Rückkehr den psychologischen Zusammenhang zwischen Triebunterdrückung und Autoritätshörigkeit auch in Deutschland weiter erforschte. Zwei Jahrzehnte später wurde die Studie zur wichtigsten Quelle der antiautoritären Bewegung. 

Die regressive Moderne 

In ihrem gemeinsamen Buch „Zerstörungslust“ greifen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey nun erneut auf das Konzept der autoritären Persönlichkeit zurück, um den Aufstieg rechter Parteien in Deutschland und den USA zu analysieren. 

Ihr Ausgangspunkt ist die These, dass die optimistische Moderne in eine „regressive Moderne“ umgeschlagen sei: 

„Die heutige Gesellschaft unterliegt einem beschleunigten sozialen Wandel, die Bilanz ist allerdings bestenfalls gemischt, wir erleben eine regressive Modernisierung. Der Fortschrittsoptimismus hat Desillusionierung, Ohnmachtsgefühlen und Nullsummendenken Platz gemacht.“ 

Oliver Nachtwey, Carolin Amlinger
Oliver Nachtwey, Carolin Amlinger

Die gebrochenen Versprechen 

Während in den 1950er Jahren der Grund für die Entwicklung einer autoritären Persönlichkeit noch in der repressiven Erziehung gesehen wurde, verschieben Amlinger und Nachtwey den Fokus auf die liberale Gesellschaft. 

Demnach ist es die Wut über gebrochene Versprechen, die sich in der Lust an der Zerstörung eben dieser Gesellschaft ihren Weg bahnt. 

Anhand von Interviews mit ausgewählten Personen, die sich selbst dem rechtskonservativen oder dem rechtslibertären Lager zuordnen, zeichnen Amlinger und Nachtwey nach, wie aus der persönlichen Frustration eine gesellschaftlich wirksame Destruktion hervorgehen kann. Diesen Vorgang bezeichnen sie als einen „demokratischen Faschismus“: 

„Die Befreiung durch Zerstörung wird nicht rational gerechtfertigt, sondern affektiv aufgeladen, sie wird als Erlösung und Lustgewinn erlebt. Der demokratische Faschismus ist bivalent gegenüber der Demokratie. In unfriedlicher Koexistenz breitet er sich innerhalb der Demokratie aus, um ihre liberalen Elemente auszulöschen.“

Die Enttäuschung über die Eliten 

Die strukturelle Ursache dieser Entwicklung sehen Amlinger und Nachtwey im Siegeszug des Neoliberalismus in den 1990er Jahren.

Denn damit sei nicht nur eine Ausweitung der Marktgesellschaft einhergegangen, sondern auch eine Kultur der Selbstoptimierung, die angesichts der begrenzten Aufstiegschancen ein hohes Potenzial zur Enttäuschung mit sich bringe. 

Aus der Wut über die eigene Lebenslage werde aber erst Hass auf andere durch das zunehmende Gefühl, von den liberalen Eliten gegängelt und disziplinierenden Maßnahmen einer progressiven Umerziehung unterzogen zu werden. Die liberale Gesellschaft werde so als autoritäres Gegenteil ihres eigenen emanzipatorischen Anspruchs wahrgenommen: 

Menschen wollen den empfundenen Paternalismus liberaler Eliten mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Sie wollen nicht länger von oben belehrt und beschämt werden und unterziehen stattdessen stellvertretende Objekte strengen Erziehungsmaßnahmen.

Blasse Schlussforderung

Amlinger und Nachtwey gelingt es eindrucksvoll, die affektiven Gründe der Zerstörungslust herauszuarbeiten. Allerdings tendiert ihr psychologischer Ansatz dazu, jede abweichende Kritik als pathologisch aufzufassen.

Diese Reduktion führt im Schlusskapitel dazu, dass als Ausweg allein die blasse Forderung nach einem „neuen Antifaschismus“ übrig bleibt. 

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Leander Scholz