Ein wichtiger Schauplatz: Der „Magasin“, ein Laden für russische Spezialitäten in Leipzig. „Ich nehme mir in diesem Buch Freiheiten, die ich mir noch nie genommen habe", sagt der Autor und Journalist Dmitrij Kapitelman.
Frische sprechende Fische im „Magasin“
In seinem Roman „Russische Spezialitäten“ finden sich allerlei surreale Momente: Menschen verwandeln sich in überdimensionierte Zigaretten, Fische und Maschinengewehre fangen an zu sprechen. Für Kapitelman sei das ein Weg gewesen, um „die Bizarrheit unserer Gegenwart einfangen zu können“. Um näher an die Realität rankommen zu können, habe er ins Fantastische ausweichen müssen.
Buchkritik: Dmitrij Kapitelman - Russische Spezialitäten
Parallelen zum Leben des Autors
Die Realität, das ist der „Magasin“, der Laden für russische Spezialitäten in Leipzig, der den Eltern seiner Hauptfigur Dmitrij gehörte. Und diese Realität, das ist auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, das Geburtsland des Erzählers.
Dass sein Held genauso heißt wie er, sei kein Zufall, sagt Dmitrij Kapitelman. Auch er ist in Kyjiw geboren und es gab auch den Laden seiner Eltern in Leipzig:
Aber es ist mir wichtig, dass es ein Roman ist, der viel mehr Perspektiven zeigt als die, die persönlich kenne. Und es ist ein Roman über autoritäre Gewalt und über Wahrheitsfälschung.
Wem gehört die russische Sprache?
Diese Wahrheitsfälschung flimmert im Roman tagtäglich ins Wohnzimmer von Dmitrijs Mutter: Sie schaut russisches Staatsfernsehen und glaubt der Propaganda über die Ukraine und den Krieg. Für Dmitrij ist das schwer auszuhalten.
Seine Mutter und seine Muttersprache fühlen sich für ihn fremd an, gleichzeitig aber möchte er diese Entfremdung nicht zulassen: „Die Liebe zur russischen Sprache wie zur russischen Mutter ist ein zentrales Motiv in diesem Buch. Das ist emotional wichtig und es ist eine politische Emanzipation, denn diesem Regime im Kreml gehört diese Sprache nicht. Es hat sie vor ihnen gegeben und es wird sie nach ihnen geben", so Kapitelman.
Das schwerste Buch über eine schwierige Zeit
Dmitrij Kapitelman ist vergangenes Jahr selbst nach Kyjiw gereist. Die Erfahrungen von dort verarbeitet er im zweiten Teil seines Romans: Luftalarm, Fahrten in die befreiten Orte Butscha und Borodjanka, schwierige Gespräche mit Freunden über die Angst, ins Militär eingezogen zu werden.
Es sei das schwerste Buch gewesen, denn er schreibe über die schwerste Zeit, sagt Kapitelman: „Die Ereignisse, mit denen ich darin ringe, sind so viel blutiger, als ich gedacht hätte, dass sie es je werden"
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