Der neue Roman von Carys Davies

„Das Pfarrhaus“ – Carys Davies erzählt von Indien und seinen Konflikten

Mitten in einer Lebenskrise reist der englische Bibliothekar Hilary Byrd nach Indien. Dort verliebt er sich und wird in die Glaubenskämpfe im Land verwickelt.

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Stand

Von Autor/in Tino Dallmann

Konflikten geht Hilary Byrd am liebsten aus dem Weg. Genauer gesagt meidet der Bibliothekar aus dem Südostens Londons jedwede Auseinandersetzung mit anderen Menschen. Der ruhige Beruf passt also gut zu ihm.

Als es in seiner Bibliothek immer lebhafter zugeht und die Besucher zu Musikveranstaltungen kommen oder Goldschmiedekurse belegen, wird es Byrd allerdings zu viel. Er verfällt in Schwermut und versucht, in Frühpension zu gehen.  

Der Befreiungsschlag soll ausgerechnet mit einer Reise nach Indien gelingen. Byrd kümmert sich – was ungewöhnlich für ihn ist – selbstständig um alle anstehenden Vorbereitungen. Vor Ort angekommen wirkt er aber fehl am Platz. 

Carys Davies
Carys Davies Pressestelle Carys Davies (c) Penguin Verlag

Eine Reise nach Indien als Neuanfang 

„Auf die klebrige, drückende Hitze des Flachlands war er nicht gefasst gewesen. Er hatte sich gefühlt wie ein Braten im eigenen Saft, den seine bleiche Haut permanent abgesondert und gegen den er sich irgendwann nicht mehr gewehrt hatte. Eine Woche lang war er nicht vor die Tür gegangen; stattdessen hatte er bei laufender Klimaanlage und eingeschaltetem Deckenventilator im Hotelzimmer gesessen.“

„Dann, eines Abends, war er in die Bar hinuntergegangen, wo sich ein paar deutsche Touristen über einen alten, blauen Bummelzug mit verzierten Fenstern unterhielten. Angeblich beförderte er die Leute aus dem glühenden Hexenkessel der Tiefebene ins kühle Gebirge.“

Im Gebirge kommt Byrd im Missionarsbungalow eines Pfarrers unter. Mit der Kirche hat der Bibliothekar wenig am Hut und bekommt so gut wie nichts mit von den religiösen Spannungen im Land.  

Eine Liebesgeschichte inmitten religiöser Konflikte 

Dabei sorgen die Unruhen zwischen Hindus und Muslimen seit Jahren für Schlagzeilen – ebenso wie die Übergriffe auf Christen. Diese Konflikte haben sich unter Indiens amtierenden Premierminister Narendra Modi noch einmal zugespitzt. Das spürt auch der Pfarrer, der Byrd bei sich wohnen lässt: 

Von dem Brand in der Kirche letztes Jahr hatte er seiner Tochter nichts erzählt. Genaugenommen hatte er niemandem davon erzählt.

„Es hätte die Leute nur beunruhigt, und das wollte er auf keinen Fall. Der Schaden war ohnehin nicht groß gewesen, bloß ein paar verbrannte Notenblätter und Gebetbücher neben der Tür, ein Häuflein kalte Asche und versengtes Leder am frühen Samstagmorgen, als er gekommen war, um die welken Blumen im Altarraum gegen frische auszutauschen.“ 

Vor diesem Hintergrund erzählt Carys Davies auch eine Liebesgeschichte: Denn in Byrd werden Gefühle für Priscilla wach, die verkrüppelte Haushälterin des Pfarrers. Der will für sie einen „guten Christen“ finden. 

Also beginnt Byrd, sonntags in die Kirche zu gehen und den Bibelkreis zu besuchen. Beide wissen nicht, dass Priscilla längst in einen anderen verliebt ist.  

Roman legt Kolonialgeschichte offen 

Dass die Männer im Dunkeln darüber tappen, was in der Haushälterin vorgeht, macht auch deutlich, dass Davies ihre Geschichte entlang fortwirkender Machtstrukturen erzählt: 

Denn Priscilla gehört zur ethnischen Gruppe der Toda, die bereits in der Region lebte, als die Briten sie für sich beanspruchten. Über deren Ankunft informiert sich Byrd in der Bibliothek und notiert über die Gründung des Gebirgsstation im frühen 19. Jahrhundert: 

„Es war wie zu Hause, erzählten sie bei ihrer Rückkehr in die Kaserne im Tiefland, und dann dauerte es nicht lange, bis die ersten Handwerker und Ingenieure eintrafen. Schon bald entstanden Läden, Häuser und eine Kirche. Ein Club wurde gegründet, und ein Militärkrankenhaus.“

Wechselnde Perspektiven

„Schon bald gab es eine Bibliothek, eine Pferderennbahn und einen Jagdverein […]. Sie errichteten große, luxuriöse Villen mit Kaminen, Tennisplätzen und Blumengärten“. beschreibt Byrd die Situation.

Carys Davies wechselt in ihrem Roman geschickt die Perspektiven: So folgt die Geschichte nicht nur dem Bibliothekar und dem Pfarrer, sondern auch Priscilla, dem Dienstmädchen, einem Rikscha-Fahrer und seinem Neffen. 

Die Stärke ihres Erzählens liegt darin, dass der Fokus immer auf den Figuren mit ihren Ansichten und Lebenswelten liegt. In der Verschränkung dieser Perspektiven deutet ihr feinfühlig erzählter Roman an, dass eine Verständigung möglich ist – auch in den aufgeheizten Konflikten unserer Gegenwart.

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Tino Dallmann