Die große Politik und das kleine Leben auf der Straße
„Es lebe der Sozialismus, Vaterland oder Tod. Wir werden siegen“ – mit diesen Parolen hat Fidel Castro immer wieder neu die Revolution in Kuba beschworen. Vier oder gar neun Stunden konnten seine Ansprachen dauern.
Und so beginnt Reinhard Kleist seinen Comic mit einem geradezu ikonografischen Bild: Castro in Rednerpose auf einer Tribüne, die rechte Hand erhoben, spricht er in die Mikrofone. Irritierend allerdings: Über der Szene liegt ein Fadenkreuz, das den „Máximo Líder“ ins Visier nimmt. Es ist das Objektiv einer Kamera, die dem deutschen Journalisten Karl Mertens gehört.
„Aus dessen Perspektive wir sehen, was in den Straßen so passiert. Und das ist eine kleine Ambivalenz in dem Buch: einerseits die große Politik und dann das Kleine, das in den Straßen von Havanna passiert“, sagt Comic-Künstler Reinhard Kleist, der sich mit diesem Kunstgriff der Gefahr entzieht, der Faszination Castros zu erliegen.
Fidel Castro als Mythos
Ein Mann, um den sich bis heute viele Legenden ranken: charismatisch, ein Abenteurer, ein Mythos. Einer, der angetreten ist, um seinem Land Freiheit und Gerechtigkeit zu bringen. Doch mit den Idealen der Revolution sei er ganz schnell auch an seine Grenzen geraten:
„Mich hat das fasziniert, wie er damit umgegangen ist, wie er seine Ideale angepasst hat, wie er auch mit den Widrigkeiten zurechtkommen musste, mit dem Druck von außen, dem extremen Druck aus Amerika, und dann immer Justierungen vorgenommen hat, um seine Ideale wenigstens teilweise umzusetzen.“
Dramatische Schwarz-Weiß-Bilder
Reinhard Kleist hat nicht nur eine packende Biographie Castros entworfen. Er hat 50 Jahre Zeitgeschichte in dramatisch dichte, mitreißende Schwarz-Weiß-Bilder gepackt, die nah dran sind am Geschehen.
Dabei wird der deutsche Journalist Karl Mertens zum Chronisten ereignisreicher Jahre. Der bleibt nämlich der Liebe wegen in Kuba und muss mit den Auswirkungen von Castros Politik klarkommen.
In einzelnen Episoden, manchmal auch in Gesprächen werden die wichtigsten politischen Ereignisse in diesem Comic erzählt: Der Aufbruch in ein unabhängiges Kuba, in dem die Bevölkerung zumindest eine Zeitlang davon träumen darf, ihre Geschichte selbst zu bestimmen, der Weg in den Sozialismus, die amerikanische Wirtschaftsblockade, die von den USA initiierte, gescheiterte Landung von Exilkubanern in der Schweinebucht
Zeichnungen voller Emotionen
Radio Rebelde – aus dem kleinen Piratensender der kubanischen Rebellen wird ein gleichgeschalteter, von der Castro-Regierung kontrollierter Rundfunk. Mit dem Schweinebucht-Desaster beginnt die zunehmende Jagd auf angebliche Landesverräter.
Karl Mertens erlebt, dass immer mehr Gefolgsleute der Revolution unter Verdacht geraten, Oppositionelle zu sein, dass Freunde verhaftet werden oder fliehen.
Dramatik und Abenteuer, Leid und Kampf, Freude und Absturz – die sehr dynamischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Reinhard Kleist stecken voller Emotionen, faszinierend realistisch die Porträts Fidel Castros.
Die Neuausgabe des Comics wird am Ende durch einige kolorierte Illustrationen aus Kleists „Havanna-Band“ ergänzt, der nach einer Kuba-Reise des Autors entstand. Eine schöne Dreingabe für diesen unglaublich starken Comic-Auftritt.
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Am 13. August wäre Fidel Castro 100 Jahre alt geworden - Revolutionär, Befreier, Diktator. Heute steht das sozialistische Regime, das er in Kuba aufgebaut hat, vor dem Zusammenbruch.