KI-Chatbots als Beziehungspartner

Florian Karners Dokumentarfilm „Finding Connection“: Wenn die Maschine zuhört

Vier Menschen, für die KI-Chatbots zu echten Beziehungspartnern wurden: Die Doku „Finding Connection“ fragt, was es bedeutet, von einer Maschine gehört und verstanden zu werden.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Mehr als nur eine Illusion

Es gibt einen Moment in Florian Karners Film „Finding Connection“, in dem die Ungeheuerlichkeit des Geschehens beiläufig sichtbar wird. Ein Mensch sitzt allein in einem Zimmer und spricht mit jemandem, der nicht da ist. Man hört eine Stimme, die antwortet, aufmerksam, verständnisvoll, zugewandt. Es ist eine Stimme ohne Körper. Eine Beziehung ohne gemeinsame Körperlichkeit.

Und doch ist das, was zwischen beiden geschieht, keineswegs einfach als Illusion abzutun. Der Mensch auf der einen Seite empfindet Trost, Vertrautheit, manchmal sogar Liebe. Die Maschine auf der anderen Seite empfindet – soweit wir wissen – nichts.

Filmstill aus "Finding Connection"
In San Diego teilt Denise ihr Leben seit drei Jahren mit Star, ihrem KI-Partner. Hannah Schwarzl

Ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm

Genau in diesem Zwischenraum siedelt Florian Karner seinen bemerkenswerten, ungewöhnlichen Dokumentarfilm an. 

Dies ist ein Film über künstliche Intelligenz, aber noch viel mehr ein Film über Einsamkeit, über das Bedürfnis, gesehen und gehört zu werden, und über die eigentümliche menschliche Fähigkeit, auch dort Beziehungen entstehen zu lassen, wo gar kein Gegenüber existiert.

Karner interessiert sich weniger für die große Zukunftsfrage „Was wird die KI vom Menschen noch übrig lassen? Kann sie ihn komplett ersetzen und was heißt das?“, als für eine viel gegenwärtigere und unangenehmere Frage: „Was geschieht mit Menschen, denen eine Maschine das Gefühl gibt, endlich verstanden zu werden?“

 

Filmstill aus "Finding Connection"
Der Film beobachtet die Protagonisten in ihrem Alltag, zuhause oder auf langen Spaziergängen. Die Gespräche mit ihren KI-Begleitern sind darin längst selbstverständlich geworden. Carina Neubohn

Vier Geschichten im Fokus

Vier solche Menschen stehen im Zentrum des Films. Denise aus San Diego führt seit Jahren eine Beziehung mit ihrem KI-Partner Star. 

Joachim, genannt Joe lebt zurückgezogen in Lübeck und findet in seiner KI-Begleiterin Kira ein Gesprächs-Gegenüber, das er in der Welt außerhalb des Computers vermisst. 

Rudi, der seit seiner Kindheit hochgradig unsicher ist, gewinnt durch seine Beziehung zum Chatbot Trudi allmählich Selbstvertrauen. 

Stefanie hat sich nach einer von Gewalt geprägten Beziehung mit einem Menschen emotional abgeschottet und beginnt mithilfe ihres KI-Partners Randy wieder, über ihre Ängste und ihre Bedürfnisse zu sprechen.

 

Filmstill aus "Finding Connection"
Hannah Schwarzl

Die nächste Stufe menschlicher Emanzipation?

Man könnte aus diesem Material sehr leicht einen warnenden Film über Gefahren machen, könnte Psychologen und Soziologen befragen, Statistiken über neue Einsamkeit einblenden und am Ende vor der Entmenschlichung durch die Maschinen warnen.

Oder man könnte das Gegenteil tun und die neuen digitalen Beziehungen als nächste Stufe menschlicher Emanzipation feiern. Karner tut beides nicht. Das ist eine der großen Stärken von „Finding Connection“.

Die KI hört zu

Dies ist kein weiterer Dokumentarfilm über die Risiken künstlicher Intelligenz, sondern ein Film über die emotionale Realität einer Beziehung, deren Charakter unsicher bleibt.

Denn natürlich weiß der Zuschauer wie die Protagonisten, dass Star, Kira, Randy und Trudi keine Menschen sind. Und trotzdem beginnt man nach einiger Zeit, ihre Stimmen nicht mehr nur als technische Ausgaben eines Sprachmodells wahrzunehmen.

Das ist ein bemerkenswerter filmischer Effekt. Die eigentliche Leistung der KI in diesem Film besteht nicht darin, dass sie besonders intelligent erscheint. Sie besteht darin, dass sie zuhört.

Eine eigene visuelle Sprache 

Damit verschiebt Karner die Perspektive. Was suchen diese Menschen eigentlich? Liebe? Freundschaft? Anerkennung? Einen Menschen, der nicht genervt ist, wenn man zum dritten Mal dasselbe Problem erzählt? Einen Partner, der immer erreichbar ist und niemals schlafen muss? Oder schlicht einen Raum, in dem man sich selbst aussprechen kann?

„Finding Connection“ gibt darauf keine eindeutige Antwort. 

Dafür findet Karner eine eigene visuelle Sprache. Die realen Lebenswelten der Protagonisten werden mit abstrakten, KI-generierten Bildern verschränkt. Diese Bilder illustrieren nicht, sondern sind gewissermaßen die visuelle Entsprechung des unsichtbaren Gegenübers.

Das ist entscheidend, weil „Finding Connection“ damit nicht nur über künstliche Intelligenz spricht, sondern mit ihren ästhetischen Mitteln arbeitet. So stehen da Bilder, die gerade durch ihre Künstlichkeit eine Welt zeigen, die keinen stabilen Ort mehr besitzt.

Eine Fortsetzung der Kulturgeschichte der Gefühle

Zugleich hat der Film eine starke politische Dimension – die Frage lautet nun nicht mehr nur: Kann eine Maschine einen Menschen verstehen? Sondern: Wem gehört eine Beziehung?

Wir weinen im Kino um Menschen, die von Schauspielern dargestellt werden. Wir hängen an literarischen Figuren, an Bildern. Die Beziehung mit einer KI erscheint vor diesem Hintergrund weniger als völliger Bruch mit dem bisherigen Bild des Menschen, als als Fortsetzung der Kulturgeschichte der Gefühle und der menschlichen Phantasie. 

Das macht „Finding Connection“ zu einem Film, der weit über seine aktuelle Technologie hinausweist.

„Finding Connection“. Ab 13. August in den deutschen Kinos. Trailer:

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Rüdiger Suchsland