Ein Tag, viele Perspektiven
Im Zentrum des Romans steht ein einziger Sommertag im Jahr 1942, der in acht Kapiteln immer wieder neu erzählt wird. Aus wechselnden Perspektiven entsteht so kein enzyklopädisches Geschichtswerk, sondern eine erzählerische Collage: eine Sammlung von Gesichtern, Erinnerungen und Brüchen.
Die Hauptfigur Isak – vorgestellt zunächst als Kind im Jahr 1916 – gilt als „letzter Jude Belgrads“. Er versucht seine Herkunft abzulegen, um zu überleben, während die Gewalt des Antisemitismus um ihn kreist.
Die Geschichte seiner Mutter Olga, die 1921 spurlos verschwindet und zuvor ihre Haggada unter den Dielen versteckt, bleibt als ungelöstes Rätsel präsent und treibt Isak Jahrzehnte später an.
Figuren zwischen Erinnerung und Erfindung
Neben Isak begegnen wir vielen anderen Stimmen: dem Jungen Petar, der sich den Partisanen anschließt, und Rosa und Milan, einem Anarchistenpaar, das Isak adoptiert. Besonders ungewöhnlich ist die Figur der Hündin Malka – ihr Name bedeutet „Königin“.
Aus ihrer hundehaften, sinnesgesteuerten Wahrnehmung entsteht ein ganz besonderes Kapitel. Sie wird zum Gedächtnis des Romans, ein Lebewesen, das Spuren von Vergangenheit und Herkunft in sich trägt.
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Die Jury des Deutschen Buchpreises wählte diese 20 Romane auf die Longlist. Unter anderem dabei sind neue Bücher von Nava Ebrahimi, Dmitrij Kapitelman und Christine Wunnicke.
Ein poetischer Titel
Der Titel „Buch der Gesichter“ verweist doppelt: auf die vielen einzelnen Menschen und ihre Schicksale sowie auf Erinnerungen und Visionen. Traum und Realität fließen ineinander, Geschichte entsteht aus Bewusstsein und Unbewusstem zugleich.
Dinić ordnet sich damit deutlich in die literarische Tradition der Erinnerungs‑Literatur ein. Zitate von Danilo Kiš, Soma Morgenstern, Wislawa Szymborska oder Ruth Klüger markieren die Kapitel. Der Roman sucht zu Beginn manchmal den großen Ton, doch findet nach und nach eine eindringliche Sprache: persönlich, vielstimmig, berührend.
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