Buchkritik

Wo Männer noch mit der Sense herumlaufen: Neuer Roman von Dana Grigorcea „Tanzende Frau, blauer Hahn“

Die in Bukarest geborene und in Zürich lebende Schriftstellerin Dana Grigorcea bleibt ihren Lieblingsthemen treu: die Möglichkeit von Liebe und (literarischer) Kunst.

Teilen

Stand

Von Autor/in Carsten Otte

Die Nachricht vom Tod eines Freundes im spanischen Valencia setzt die Erzählbewegung dieses Romans in Gang: Hat Camil tatsächlich Kupferkabel in einem verlassenen Industrieschiff stehlen wollen? Im Raum mit dem Generator hat es vermutlich einen Knall gegeben, und den folgenden Stromschlag konnte der Einbrecher nicht überleben.

Camil, erklärt die Ich-Erzählerin, „war mein bester Freund, mein erster.“ – mit diesem Eingeständnis beginnt eine Erinnerungsreise zurück in die Zeit „nach der Wende“: Jahr für Jahr fährt Roxana mit dem Zug von Bukarest nach Bușteni, in eine Kleinstadt in den Karpaten.

„Zuerst fuhr der Zug an der Papierfabrik vorbei, die mit ihren vielen Gebäuden und umzäunten Arealen beinahe selbst eine kleine Stadt war. Als die kommunistische Unterstützung wegfiel, wurde die Produktion an den uralten Kesseln und Walzen nach und nach gedrosselt; so bröckelte das Gelände vor sich hin“, heißt es in dem Roman.

Und weiter:

„Hier und da wuchsen Gräser und roter Klatschmohn, zwischen den verwitterten Schuppen fanden sich die Hunde in Rudeln ein, und wenn ihr Gebell anschwoll, waren auch die ausgewachsenen Bären gekommen.“

Das Liebesleben der Dorfbewohner

In Bușteni verbringt Roxana ihre Sommerferien bei Großmutter und Großtante. Im Garten der beiden Damen findet sich regelmäßig die heimische Bevölkerung ein, und bald lernt die junge Städterin auch Camil kennen, der in der heruntergekommenen „Eisenbahnersiedlung“ wohnt.

Die beiden verstehen sich gut, spazieren durch die malerische Landschaft und machen sich einen Spaß daraus, über das Liebesleben der Dorfbewohner nachzusinnen.

Ganze Sommer lang folgten wir den Geschichten aus nächster Nähe, und wenn sie ins Stocken gerieten, griffen wir ein.

Dana Grigorcea
Dana Grigorcea

Der Sieg der Fantasie

Letzten Endes siegt die Fantasie immer in den Liebesvariationen der beiden. Viele Geschichten beginnen realistisch, handeln von Sehnsüchten und Enttäuschungen. Könnte der Verdacht aufkommen, die rumänische Provinz werde als postsozialistische Idylle beschrieben, mehren sich die surrealen, manchmal auch schockierenden Momente.

Da ist eine erfolgreiche Anwältin, die in ihrem Haus einen Kirschbaum wachsen lässt. Tatsächlich reißt sie das Gebäude irgendwann Stein für Stein ab, damit der „Wunschbaum“ gedeihen kann. Den notorisch untreuen Gatten hat die Frau rechtzeitig in eine Baracke gesperrt, wo er bald stirbt.

In solchen Szenen wirkt Bușteni wie der Schauplatz einer bizarren Telenovela. Kein Wunder, schauen die Bewohner doch ständig Fernsehserien, etwa die unendliche Geschichte der „Sklavin Isaura“, deren Hauptfigur so aussieht wie die schönste, aber auch einsamste Frau im Ort.

Zu unseligen Zeiten der Diktatur musste die spätere Frau Helman einen kleinwüchsigen Typen heiraten, der ständig mit einer viel zu großen Sense herumläuft.

Irgendwann promenieren Herr und Frau Helman gemeinsam durch den Ort, vielleicht weil sie eine Playboy-Ausgabe inspiriert hat, in der die Darstellerin der Isaura im Eva-Kostüm samt Schlange zu sehen ist.

Noch nie habe sich eine Ausgabe dieser Zeitschrift so gut verkauft wie die mit der Sklavin Isaura, sagte der Kioskbesitzer (…), und zu jeder Isaura verkaufe er noch eine Tageszeitung, um sie darin zu verstecken.

Ein bitterschöner Roman übers Geschichtenerzählen

Es gibt auch deutlich düstere Begebenheiten: Die in ärmlichsten Verhältnissen lebende Ana-Mia wird verspottet und von gemeinen Nachbarn aufgefordert, mit der selbstgebastelten Gummischleuder auf ihren zweibeinigen Hund zu schießen.

Das Geschichtenerzählen vollzieht sich in Dana Grigorceas bitterschönem Roman auf mehreren Ebenen: Denn in den Episodenlauf der Geschichten ist ein zweiter, kursiv gesetzter Erzählstrang eingeflochten, der von einer Schriftstellerin auf Lesereise handelt.

Sie ist mit einem deutlich älteren Klavierspieler namens Thierry unterwegs. Während die Autorin auf der Bühne Liebesgeschichten aus Bușteni vorträgt, bemüht sich der Mann an den Tasten, der Literatur auch musikalisch gerecht zu werden. Doch die Schriftstellerin ist ständig unzufrieden.

„Ana-Mia kommt nicht bei allen im Publikum sympathisch rüber, hat sie festgestellt. Viele nehmen Roxanas Perspektive ein, sehen Ana-Mia als ein störendes, abseitiges Kind. Dabei liegt ihr viel daran, dass die Leute sie mögen. Vielleicht kann Thierrys Musik unterstützen“, schreibt Grigorcea.

Das Rätsel um die Perspektive

In den Erzählungen aus Bușteni kommen sich Camil und Roxana jeden Sommer ein wenig näher, aber das Glück der große Liebe bleibt ihnen versagt. Die Schriftstellerin und der Musiker landen auf ihrer Tour nahezu zwangsläufig im Bett.

Obwohl auch dieser Beischlaf keine Erfüllung bringt, liefert die Sex-Szene immerhin eine Überraschung hinsichtlich der Frage, wer hier überhaupt für welche Geschichte verantwortlich ist.

Das Rätsel um die Erzählperspektive ist dabei keineswegs nur ein literarisches Spiel. Dass nicht das belesene und umschwärmte Mädchen aus gutem Hause sich zur Schriftstellerin entwickelt, sondern die soziale Außenseiterin, ist kein Zufall, sondern verweist auf den politischen Kern dieses Romans.

So sind die Liebesverwirrungen in „Tanzende Frau, blauer Hahn“ immer Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung. Zu Roxanas Verehrern in Jugendtagen gehörte auch Ovidiu.

Der rumänische Name mit lateinischem Ursprung heißt wörtlich übersetzt: Schafhirte. Doch dieser Ovidiu führt sich und seine Herde in den Abgrund.

Während des Studiums hat er sich zum übergriffigen Verführer entwickelt, womit der Schritt zum rücksichtslosen Karrieristen folgerichtig erscheint.

In jeder Liebesvariation lauert ein Abgrund

„Einige Jahre später wurde Ovidiu Präsident der rumänischen Post, bevor er in der Politik Karriere machte als jener ominöse Minister für Umwelt und Tourismus, der das Projekt mit dem Dracula-Park in Transsylvanien wieder aufgenommen hatte und dafür Aktien verkaufte in Milliardenhöhe, bevor das Projekt am Widerstand der Naturschutzaktivisten scheiterte.“

Das ist gewiss als kleine Referenz an Grigorceas Roman „Die nicht sterben“ zu lesen, in dem es unter anderem auch um verfehlte Vampir-Vermarktung in Transsylvanien geht. „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist ein kleines Meisterstück der erzählerischen Doppelbödigkeit.

Die Paargeschichten im postsozialistischen Rumänien sind durchweg im heiteren, schelmischen Tonfall gehalten, aber in jeder Liebesvariation lauert ein Abgrund.

Als bekennender Opernfan spielt Grigorcea gekonnt mit musikalischen und literarischen Motiven in einem Roman, der dem Hochgefühl in Dur grundsätzlich eine Krise in Moll folgen lässt.

Die „Mutter aller Bestenlisten“ Was sagen die Autorinnen und Autoren? 50 Jahre SWR Bestenliste

Eine Feier zum Jubiläum: Nicola Steiner diskutiert mit den Schriftstellerinnen Dana Grigorcea, Felicitas Hoppe und Autor Eckhart Nickel über die Literaturkritik

50 Jahre SWR Bestenliste SWR Kultur

Stuttgart

Diskussion über vier Bücher Die SWR Bestenliste im Dezember

Shirin Sojitrawalla, Helmut Böttiger und Klaus Nüchtern diskutierten auf den Stuttgarter Buchwochen vier auf der SWR Bestenliste im Dezember verzeichneten Werke.

SWR Bestenliste SWR Kultur

Buchkritik Dorothee Riese – Wir sind hier für die Stille

Vier Jahre alt war Dorothee Riese, als ihre Eltern im Jahr 1993 mit ihr zusammen von Deutschland nach Rumänien auswanderten. Diese autobiografische Erfahrung bildet die Basis von Rieses Debütroman „Wir sind hier für die Stille“, in der linksalternative Vorstellungen, Erwartungen und Sehnsüchte auf die postkommunistische Realität prallen.
Berlin Verlag, 240 Seiten, 22 Euro
ISBN 9783827014931

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

András Viskys erschütternder Lagerroman Vom Leben in einem Erdloch

András Visky erzählt in seinem autobiografischen Roman von einer Familie, die im kommunistischen Rumänien in die Steppe deportiert wird und in Erdlöchern hausen muss.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Carsten Otte