Wenn Friedrich Merz gerade findet: Der Krankenstand in Deutschland ist zu hoch - dann ist er wieder einmal sehr weit weg von den Leuten, für die es beim Arbeiten nicht um den Standort Deutschland geht. Sondern darum, es bis ans Ende der Woche zu schaffen. Bis zum Urlaub oder bis zur Rente.
Leute, die manchmal krank sind und manchmal nicht. Für die Arbeit langweilig ist. Und überfordernd zugleich. Etwas wo man durch muss – wie durch einen stetigen Nieselregen.
Dem Baumarkt-Mitarbeiter Levin Watermeyer zumindest geht es an manchen Tagen so:
(…) Vielleicht war es ganz gut, dass die Leute hier nichts fragten, denn er hätte auf die Frage „was denn los sei“, keine wirkliche Antwort parat gehabt. Bloß ein taubes Gefühl, das stumpf in ihm waberte, dass er sich selbst nicht erklären konnte. (…) In den letzten Tagen beispielsweise fiel es ihm schwer, sich von dem Gefühl zu befreien, dass seine Arbeitsweste ihn kleiner machte. Sie zog ihn herunter, machte mit ihrem Gewicht seinen Buckel krumm, und er spürte, dass er, wenn er sie abends auszog, ein paar Schritte benötigte, um zu seiner eigentlichen Größe zurückzukehren.
Levin Watermeyer hat ein eher taktisches Verhältnis zur Arbeit. Einerseits nimmt er im Jahr nur eine Woche Urlaub. Und: Watermeyer - der Protagonist in Denis Pfabes Roman „Die Möglichkeit einer Ordnung – er arbeitet wortwörtlich, bis er eines Tages umfällt. Andererseits: entdeckt Watermeyer auf der riesigen Verkaufsfläche seines Baumarkts einen Kunden, dann geht er diesem konsequent aus dem Weg.
„Das ist die Kunst des Kunden-Karate, die die Kollegen, die länger dort sind, gemeistert haben", erklärt Autor Denis Pfabe im Interview.
„Das heißt, dass eigentlich alle sehr, sehr gut darin sind, den Hauptkontakt mit dem Kunden erst mal aus dem Weg zu gehen. Wir haben keine Zeit, wir sind im Umbau. Da hinten, ja, der Kollege kommt gleich und man sagt gar keinem Bescheid."
Denis Pfabe kennt den Backstage-Bereich eines Baumarkts aus eigener Erfahrung. Zehn Jahre lang arbeitete er dort als Gabelstapelfahrer. Und erst nachdem er 2024 beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt gelesen hatte und sein Text den Deutschlandfunk-Preis erhielt, nahm er sich eine Auszeit und schrieb den Roman „Die Möglichkeit einer Ordnung“.
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Die Schönheit des Schrauben-Verkaufs
Diese Entwicklung liest sich wie eine Befreiung. Danach als sei hier der Autor selbst ans Ende seiner Heldenreise gelangt, von ganz unten ins Bildungsbürgertum.
Jedoch: Genau diese Hierarchie zwischen Maloche und Muse, zwischen Literatur und Baumarkt sieht Pfabe gar nicht. Schrauben verkaufen – das habe eine eigene Schönheit.
„Wenn man sich mit weniger greifbaren Dingen den ganzen Tag beschäftigt, also sprich Texte, Konzepte, Entwicklung von Ideen, alle Dinge, die man am Ende des Tages nicht anfassen kann – da war es einfach wahnsinnig befriedigend, in den ersten Wochen auch einfach maximale Problemlösungskapazität zu haben.
Entschuldigen Sie, wo steht der blaue Farblack? Kommen Sie mit. Hier, Dose in die Hand geben. Super, vielen Dank. Und das war so diese Instant-Gratifikation. Die Leute sind ja wirklich auch dann dankbar. Man hat ihnen ein klein wenig geholfen. Und das hast du dann 10, 20, 30, am Samstag 90 Mal teilweise dieses Gefühl."
Auch Pfabes Protagonist Watermeyer kennt dieses Gefühl – aber eben auch die Leere danach und dazwischen. Und natürlich den Stress, der in seiner Gartenabteilung ausbricht, sobald ab Mitte April das ganze Land bei ihm die Ausstattung für den Sommer einkaufen will:
Gefühlt von einem auf den anderen Tag verschob sich nun das Kundencluster im Markt; das Hauptgebäude ebbte aus, und im Garten brach die Hölle los. Watermeyer verabscheute diese Zeit, in der die Kundenprospekte dicker wurden, der Seitenanteil für seine Abteilung mit jeder Werbung stieg. Der Kunde sollte sich ab jetzt darauf konzentrieren, sein Geld für den Garten auszugeben: für den Rasen, die Terrasse, den Pavillon, die Möbel, und so wie die Lebkuchen im Oktober durfte auch der dümmste Artikel für den deutschen Sommer ab Mitte April nicht früh genug bildstark (…) angepriesen werden: der Aufstellpool. Dieses (…) Statussymbol des Proletariats, das sich zwölf Quadratmeter Garten erarbeitet hatte.
Schreiben über das Leben dieses Proletariats – über die sogenannten „kleinen Leute“, die schlecht Angestellten, über die gerade-noch-nicht-Arbeitslosen und die, die es schon sind – das macht Denis Pfabe nicht als Erster.
Christian Baron hat es getan, Didier Eribon in Frankreich – ja, auch JD Vance hat als Autor versucht, diese Menschen zu beschreiben, die nicht zu den US-Eliten gehören. Um dann ihren Frust für die rechte Politik Trumps zu nutzen.
Kein Buch über Populismus und Politik
Es wäre also für Denis Pfabe leicht gewesen, die Welt des Baumarkts entlang von politischen Fragen zu erzählen – aber es gehört zu den Vorzügen seines Romans, dass es hier kaum um Politik geht. Eher darum, dass Politik egal ist. Schließlich muss man ja arbeiten und hat dafür keine Zeit.
„Ich habe mich zehn Jahre lang in diesem Sujet nicht bewegt als recherchierender Autor, sondern das war mein Leben. Ich musste dort dieses Geld auch tatsächlich verdienen, um meine Miete zu bezahlen, weil ich von den Büchern nicht leben konnte. Das heißt, es ist eine echte Realität von mir. Die Einordnung oder den Diskurs, das ist nicht meine Aufgabe, das interessiert mich nicht."
Zentrales Thema in diesem Roman ist die Einsamkeit aller Protagonisten – und die Virtualität ihrer Beziehungen. Vor allem die sexuellen Beziehungen sind meist: virtuell.
Levin Watermeyer schläft als Only-Fan-Kunde kaum noch und verdämmert Porno-swipend manche Schicht. Seine Kollegin Pina, eine ehemalige Kunstgeschichtsstudentin, verarbeitet zwischen Paletten und Unterlegschrauben eine gerade beendete Sexting-Affäre.
Nur ereignet sich diese Pornografie fast immer auf einsamen Bildschirmen. Die Begierde, sie ist bei Denis Pfabe keine grenzüberschreitende Kraft, sie wirkt eingehegt wie Zahlen in Excel-Tabellen.
Sex nur auf Bildschirmen
Einmal begegnet Watermeyer einer Porno-Darstellerin als Kundin im Baumarkt – zumindest die Idee einer realen Begegnung liegt hier für einen Augenblick nahe. Und vergeht dann rasch.
Nie wieder würden sie sich begegnen. Das wusste er. Das kannte er. In zehn Minuten würde er die Details ihrer Begegnung vergessen haben, so wie bei allen anderen. Die Halbwertszeit der sozialen Interaktionen war über die Jahre so stramm trainiert; nichts blieb, nichts verfing. Noch eine halbe Stunde, dann Mittagspause.
„Also eigentlich ist aller Sex, der dort funktioniert, ist immer auch einerseits durch eine Pforte getrennt, also das kann teilweise eine tatsächliche Paywall sein, immer eine Digitalisierung da drin. Das, was ich erzählen wollte ist halt genau diese Barriere, die da eingezogen wird.
Sex hat immer auch etwas nah mit Konsum, mit Ware, mit Austausch, mit Geben und Nehmen zu tun. Und das passt für mich sehr in das Thema natürlich, wo der Text aufgebaut ist, in dieser sehr zunehmenden, schneller werdenden, digitalisierten Konsumwelt. "
Die Routinen dieser Konsumwelt und die Zurichtung der Menschen, die hier kaufen und verkaufen – sie zeigt Denis Pfabe sehr gelungen, beiläufig treffen in „Die Möglichkeit einer Ordnung“ Tristesse und Komik aufeinander.
Nach dem Lesen würde man gern nie wieder einen Baumarkt betreten – aber leider fehlt ja immer irgendeine Schraube oder eine Glühbirne.
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