Als Marshall McLuhan Anfang der 1960er Jahre den Begriff des „globalen Dorfs“ geprägt hat, verband er damit den Anbruch eines neuen Zeitalters.
Lange vor dem Internet galten dem kanadischen Medientheoretiker bereits Radio und Fernsehen als Agenten eines tiefgreifenden Wandels, der die Welt zu einem großen Live-Ereignis machen würde.
Während das Zeitalter des Buchdrucks eng mit der Vorstellung eines kontinuierlichen Fortschritts verknüpft war, geschah nun alles auf einmal.
In den Kanälen der elektronischen Medien schrumpfte die Welt zu einem einzigen Moment zusammen, in dem nicht nur alles mit allem verbunden schien, sondern auch Vergangenheit und Zukunft miteinander verschmolzen.
Die Digitalisierung der Gesellschaft
Im Anschluss an McLuhans visionäre Ausblicke hat sich der Soziologe Dirk Baecker in seinem Buch „Digitalisierung“ die Frage vorgenommen, was die Digitalisierung der Gesellschaft mit dieser Gesellschaft macht.
Für den Systemtheoretiker handelt es sich nämlich nicht nur um einen Gewinn an Effizienz, sondern um die Konfrontation mit einer „neuen Wirklichkeit“:
„Dieser Wirklichkeit liegen digitale Datenformate zugrunde, doch sie begleitet die gesellschaftliche Wirklichkeit analog, nämlich kontinuierlich, widerständig und auf der dauernden Suche nach Übersetzungen aus analogen in digitale und aus digitalen in analoge Datenformate.“
Das Gedächtnis der Gesellschaft
Mit der Übersetzung von analogen in digitale Formate und umgekehrt gehen nicht allein starke Reibungsverluste einher, sondern auch fundamentale Widerstände.
Die „neue Wirklichkeit“, erzeugt von intelligenten Algorithmen mithilfe riesiger Datenmengen, liegt in einem beständigen Konflikt mit den bisherigen Weisen der Gesellschaft, ihre Wirklichkeit zu konstruieren.
Denn die Daten, mit denen die Algorithmen arbeiten, stammen aus dem Gedächtnis der Gesellschaft. Dort sind die erprobten Lösungen des Problems aufbewahrt, wie sich aus zufälligen Umständen eine stabile Wirklichkeit gewinnen lässt.
Die „neue Wirklichkeit“ hingegen entsteht, indem dieses Gedächtnis immer wieder zufällig neu zusammengesetzt wird:
„Maschinenlernmodelle arbeiten daher nicht nur statistisch im Sinne der Errechnung erwarteter im Verhältnis zur Gesamtmenge möglicher Ereignisse, sondern stochastisch im Sinne der Zähmung des Zufalls mit den Mitteln des Zufalls.“
Die Entwicklung der Gesellschaft
Statistik und Stochastik, die Kunst der Datenerhebung und die Kunst der Zufallsberechnung, gehören schon länger zum Instrumentenkasten der modernen Gesellschaft.
Seit der Epoche der Aufklärung dienen sie dazu, gesellschaftliche Entwicklungen zu erfassen und zu steuern, ohne deren Ursachen bis ins Einzelne verstehen zu müssen.
Maschinenlernmodelle machen nach Baecker im Grunde nichts anderes. Sie generieren aus Zufällen reproduzierbare Zustände und setzen diese wiederum neuen Zufällen aus.
Analog zur modernen Gesellschaft bewirken sie so ihre eigene Entwicklung, nur dass ihre Lernergebnisse aus denen der Gesellschaft resultieren und diese zugleich in Frage stellen:
„Aber je mehr man sich den generativen und stochastischen Modellen der Künstlichen Intelligenz nähert, desto deutlicher wird, dass deren Kombinatorik der Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in dem diese Mühe hat, sich wiederzuerkennen.“
Vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass die Künstliche Intelligenz immer auch ein Spiegel der Gesellschaft ist, gelingt es Baecker eindrucksvoll, das Unbehagen an der Digitalisierung zu erkunden und eine soziologische Antwort auf die Frage zu geben, warum die Entwicklung der Gesellschaft bereits heute eng an die Entwicklung Künstlicher Intelligenz gekoppelt ist.
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