Das neue Sachbuch von Markus Gabriel: „Ethische Intelligenz“

Das Menschliche der Maschine

KI ist auf dem Vormarsch, in allen Bereichen. Markus Gabriel plädiert deshalb in „Ethische Intelligenz“ dafür, eine wertegesteuerte KI offensiv mitzugestalten.

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Von Autor/in Ulrich Rüdenauer

Die KI-Revolution, schreibt Markus Gabriel, sei nicht primär technisch, sondern emotional und ethisch. Diese doch überraschende Prämisse bildet das Fundament für die Überlegungen des Philosophen, an denen er uns in seinem neuen Essay „Ethische Intelligenz“ teilhaben lässt.  

Für Gabriel ist KI ein Spiegel: Sie ist nicht neutral, sondern bildet ein interaktives Abbild unserer Werte und unseres Handelns. Es gehe also nicht darum, eine ohnehin sich vollziehende Entwicklung durch Regulierungen aufzuhalten. Sondern sie in unserem Sinne zu gestalten. 

Wir brauchen eine Ethische Intelligenz. Diese besteht darin, die KI weder als Gegner noch als Erlöser zu begreifen, sondern als Mitspieler in einer neuen Ko-Evolution von Mensch und Maschine, bei der Ethik nicht nur angewandt, sondern gelebt wird. 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Dieser Ansatz braucht die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Disziplinen. Er sieht gerade Europa in der Pflicht, eine „Neue Aufklärung“ mit auf den Weg zu bringen:  

„Das bedeutet, die enormen ökonomischen Potenziale eines ethischen Fortschritts zu erkennen und sie zur Grundlage der Wertschöpfung zu machen. Philosophie, interdisziplinäres Denken und normative Klarheit sind kein Luxus, sondern gehören ins Zentrum der technologischen Entwicklung.“, schreibt Gabriel

Markus Gabriel
Markus Gabriel Panama Pictures (c) Christoph Hardt

Die emotionale Wende der KI 

Die Grundlage für Gabriels Optimismus liegt in etwas, das er die emotionale Wende der KI nennt: Durch die neuronalen Netze, die entstehen, durch intelligente Sprachmodelle, die Muster erkennen und Verbindungen herstellen, verwandelt sich die virtuelle Welt immer mehr von einem Wissenssystem in eine emotionale Intelligenz.

Man kann das daran beobachten, dass schon jetzt viele Menschen mit ihren alltäglichen Problemen bei Künstlicher Intelligenz Rat suchen. Heutige KI-Modelle würden uns inzwischen besser kennen als alle Psychotherapeuten, Seelsorger, Neuro- und Sozialwissenschaftler zusammengenommen, so Gabriel.

Aus dieser Erkenntnis, dass wir im Innenraum unserer Seele nicht mehr allein seien, müssten die richtigen Schlüsse gezogen werden. Das sei der Übergang von einer Ethik der KI zu einer Ethik mit KI, mithin der Eintritt in eine Phase, die Gabriel „Ethische Intelligenz“ nennt. Das Ziel sei ein lebendiger Prozess, ein…  

… ko-evolutionärer Dialog zwischen Mensch und Maschine, in dem die Maschine menschliche und der Mensch maschinelle Züge annimmt und ausführt.

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Ein erfrischender, aber schwer vorstellbarer Ansatz? 

Ein fortlaufendes Gespräch also, das uns im besten Fall besser macht, weil die Maschine uns einen Spiegel vorhält – aus dem uns anblickt, was wir selbst sein wollen. KI sei deshalb – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht das Ende des Menschlichen, sondern seine Erweiterung.

Ein Resonanzraum, bei dem sich das Menschliche selbst erforsche, aufmerksamer werde. Richtig genutzt könnten Geschäftsmodelle entwickelt werden, die nichts mit den Tech-Fantasien eines Transhumanismus zu tun hätten, sondern auf moralische Tiefe und Teilhabe setzen. 

Die Revolution der KI ist nicht das Erwachen der Maschinen, sondern das Erwachen unserer Beziehung zu ihnen.

Angesichts der Untergangsszenarien, die im Zusammenhang mit KI gerade in den letzten Jahren beschworen werden, ist Gabriels Ansatz durchaus erfrischend.

Aber so verlockend Gabriels These auch ist – die Frage, ob das Projekt einer ethisch gestalteten Intelligenz gegen die Macht der Konzerne und autoritäre Regierungen wirklich durchsetzbar ist, bleibt doch unbeantwortet.

Eine Strategie, wie etwa ein ja immer wieder uneiniges Europa, eine solche hehre Mammutaufgabe stemmen könnte, liefert sein zum Weiterdenken anregendes Buch nicht. Eine weitere Achillesferse von Gabriels Idee:

Sie spielt sich im Virtuellen ab, mithin in einer Welt, die keine Leiblichkeit kennt, deren Mechanismen Vereinzelung und einen meist bösartigen Narzissmus befördern, ja brauchen.

Auch alle bisherigen Geschäftsmodelle im Netz beruhen auf Spiegelung – aber die Spiegel zeigen lediglich, was der Betrachter sehen will, erzeugen unerfüllbare Sehnsüchte, Egoismus und Echoräume. Und die Frage, auf welchen ethischen Grundlagen eine Ethische Intelligenz überhaupt beruhen soll, ist da noch gar nicht gestellt.

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Ulrich Rüdenauer