Was es zur Beobachtung der heimischen Nixen braucht, hält der estnische Schriftsteller Enn Vetemaa in seinem Bestimmungsbuch gewissenhaft fest: Benötigt werden ein Notizbuch, ein Bleistift und ein Taschenmesser zum Spitzen des Stifts. Als nützlich erweisen sich darüber hinaus ein Fernglas, Schwimmflossen und ein Fotoapparat.
Schon einige Seiten später betont Vetemaa das zurückhaltende Wesen der Nixen. Ein flüchtiges Vorbeihuschen im Schilf, ein kurzes geträllertes Motiv oder einige Schaumspritzer einer sogenannten Waschversessenen seien oft alles, worauf ein Nixenforscher seine Arbeit begründen müsse, heißt es darin.
Genau dieser Gegensatz zwischen wissenschaftlicher Präzision und anschaulichem, humorvollem Erzählen macht den Reiz von Vetemaas Bestimmungsbuch aus. Über den Nixenkundler im Allgemeinen schreibt er:
Er ist in erster Linie ein Freiluftforscher. In unseren Forschungsinstituten gibt es keine in Spiritus eingelegten Nixen (was als positiv angesehen werden kann). Auch aus Privatsammlungen sind mir nur einige Nixenlocken, abgeschnittene Fingernägel und Reagenz-Gläschen mit verschiedenen Absonderungen des Organismus bekannt, mehr nicht. Außerdem sind Nixen im Vergleich zu anderen Studienobjekten überaus scheu und beweglich.
Nicht jeder Witz zündet nach vier Jahrzehnten
Enn Vetemaas Bestimmungsbuch der „Nixen von Estland“ erschien im Original 1983 – und zwei Jahre später erstmals in deutscher Übersetzung. Dass mehr als vier Jahrzehnte später nicht alle Witze zünden, liegt einerseits daran, dass sich einige Anspielungen schlicht auf die damalige Zeit beziehen.
So lobt Vetemaa die nixenfreundliche Umweltpolitik in Estland und verweist auf die sauberen Gewässer im Land. Der heutige Leser hat dagegen schon den Klimawandel und die Überfischung der Meere im Sinn. Andererseits schweift Vetemaas Text oft ab und verliert sich Im Anekdotischen.
Am wirkungsvollsten ist er, wenn er sich an der Logik des Bestimmungsbuches hält und die Nixen beispielsweise in Familien einordnet: Von den Schönhaarigen, über die Waschversessenen und Kopfkratzerinnen, bis hin zu den Lauthalsigen.
Nicht zu verwechseln sind die Nixen von Estland übrigens mit den Meerjungfrauen, die sich deutsche Leser vielleicht vorstellen:
Folklore, Märchen und die Kunst der Welt überhaupt haben den Eindruck erweckt, die Nixen hätten unbedingt Schwänze. Was die in Estland vorkommenden Nixen angeht, so müssen wir den Leser offenbar verblüffen: Bei keiner estnischen Art wurde bis auf den heutigen Tag ein Schwanz festgestellt!
Illustrationen folgen dem Text – und retten ihn ins Heute
Vor rund 20 Jahren hat Kat Menschik Veteemas Text mit Illustrationen versehen: Sie hält teils präzise seine Beschreibungen der Nixen fest, dann wieder schweift auch sie ab und fügt beispielsweise Schautafeln mit Pflanzen aus Estland und Europa hinzu.
Vor allem aber setzt die Illustratorin immer Nixenforscher und andere Männer auf so überspitzt-lächerliche Weise in Szene, dass sie zahlreiche Passagen kontert, die – auch wenn es um Nixen geht – sexistisch erscheinen oder ein antiquiertes Frauenbild vermitteln:
Sieht ein Nixenforscher, der sich seiner ersten Hörner bereits abgestoßen hat, die bescheidene waschversessene Rubbelfee in ihrer verführerischen Pose, so bekommt er sofort Sehnsucht nach der Wärme eines heimischen Herds, nach Bequemlichkeit, nach sauberen Kleidungsstücken und Tischtüchern und nach sättigender Hausmannskost.
Neu aufgelegt zum 40. Geburtstag der „Anderen Bibliothek“
Zum 40. Geburtstag der „Anderen Bibliothek“ ist der Band mit Kat Menschniks Bildern neu aufgelegt worden. Eine lohnende Wiederentdeckung er vor allem, weil „Die Nixen von Estland“ das erste Buch ist, für das Kat Menschik Illustrationen angefertigt hat.
Zwar wirkt ihr Stil noch etwas suchend, er zeigt aber gerade in den detailverliebten Abbildungen der estnischen Natur alle Anlagen, die Menschik inzwischen zu einer der gefragtesten Illustratorinnen des Landes gemacht haben. Die Eigenwilligkeit und der Witz ihrer Bilder überstrahlen Enn Vetemaas Text inzwischen merklich.