Buchkritik

Eva Baltasars Roman „Mammut"

Eine lesbische Frau will schwanger werden und raus aus der Stadt aufs Land. Eva Baltasar erzählt von inneren Widersprüchen: lakonisch, drastisch, mit schwarzen Humor und bewegend.

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Von Autor/in Victoria Eglau

Planung und Frust

Der Tag, an dem ich schwanger werden wollte, war mein vierundzwanzigster Geburtstag.

Sie hat alles genau geplant, die junge Frau aus Eva Baltasars Roman „Mammut": Zu ihrer Geburtstagsparty lädt sie viele fremde Männer ein. Einen von ihnen verführt sie, obwohl sie eigentlich lesbisch ist. Doch der One-Night-Stand führt nicht zur ersehnten Schwangerschaft.

Und auch sonst hat die Ich-Erzählerin aus Barcelona so einige Gründe, frustriert zu sein. Sie hadert mit ihrer Arbeit an der Uni im Fachbereich Soziologie und beginnt zu jobben: in einer Bäckerei, dann in der Küche eines Hotels, dann als Schuhverkäuferin. Jede der prekären Tätigkeiten: ein gefühlter Angriff auf ihre Würde.  

Aus dem verhassten Metropolen-Leben aufs Land 

Und dann kommt auch schon ein harter Cut im Roman – die Protagonistin setzt sich mit Sack und Pack ins Auto und flüchtet aus ihrem verhassten Metropolen-Leben aufs Land. Für einen Spottpreis mietet sie ein heruntergekommenes Bauernhaus ohne Bad und Heizung.  

Eva Baltasar
Eva Baltasar (c) imago, Basso CANNARSA Opale.photo

Ich habe weder Geld noch Arbeit, aber ich habe ein halbes Dutzend Hühner und einen Sack Maisschrot. Ich esse jeden Tag Eier. Der Schäfer ist mein einziger Nachbar. Er plaudert gern. Ab und zu kommt er mit seiner Herde von fünfhundert Schafen herauf und lässt sie vor dem Haus und im hohen Gras dahinter weiden. Sie fressen und kacken. Tatsächlich ist mein Haus ständig umgeben von Schafskötteln, kein einziges Plätzchen, um sich mal in die Sonne zu legen. In den Bergen gehört das Land dem Leben, und das Leben ist das Vieh.

In ihrer lakonisch-direkten Sprache schildert Eva Baltasar, wie die Städterin lernt, Feuer zu machen, Brot zu backen und neugeborenen Lämmern die Flasche zu geben. Zu den Herausforderungen, die die Romanfigur meistern muss, gehört es etwa auch, sich auf brutale Weise einer Katzenplage zu entledigen.

Die Bewältigung der Widrigkeiten des Landlebens bringt Verrohung mit sich, aber die junge Aussteigerin wirkt plötzlich glücklich und erlebt ihre Freiheit und Unabhängigkeit wie einen Triumph.   

Sehnsucht nach einer Schwangerschaft 

Das Bedürfnis der Protagonistin, fern der Gesellschaft zu leben, scheint nun viel stärker als ihr Kinderwunsch, der anfangs übermächtig und verzweifelt wirkte. Aber der Kinderwunsch ist noch da – oder ist es vielmehr die Sehnsucht, eine Schwangerschaft zu durchleben?  

Eva Baltasars Romanfigur ist eine Frau mit großen inneren Widersprüchen. Wie in Baltasars vorherigem Roman „Boulder“ geht es auch in Mammut um queere Frauen und ihr Verhältnis zur Mutterschaft, um die komplexe Suche nach sich selbst. Dabei macht die Protagonistin Grenz-Erfahrungen:  

Der Schäfer akzeptierte meinen Rückzug nicht. Er machte Anstalten, mich zu umklammern und nach meiner Brust zu grabschen. „Jetzt, wo dir dickere Titten wachsen, verlässt du mich?“ Ich knallte ihm die Pfanne auf den Kopf. Instinktiv, ohne nachzudenken. Ein Volltreffer, der ihn taumeln ließ. Wir starrten uns eine Sekunde lang an wie zwei Tiere, die einander noch nie zuvor gesehen hatten und sich trotzdem gegenseitig umbringen wollten. Ich fühlte mich wie eine Wilde und hatte unbändige Lust, noch einmal zuzuschlagen. 

Ungewöhnliche Aussteigerinnen-Geschichte mit starkem Ende 

„Mammut“ ist mal drastisch und schonungslos, mal amüsant und nie langweilig. Eva Baltasar ist auch Lyrikerin, ihre Romansprache ist zwar knapp und prägnant, aber auch bildreich.

Die katalanische Autorin erzählt die ungewöhnliche Aussteigerinnen-Geschichte auf knapp über 100 Seiten – wahrlich kein „Mammutroman“ – mit viel Tempo und einem starken Ende. Die widerstreitenden Gefühle, die Zerrissenheit der Protagonistin werden da noch einmal ganz deutlich:

„Ich habe ein großes Fragezeichen in den Armen gehalten“, heißt es auf der letzten Seite. 

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Victoria Eglau