Die Angst vor dem Anderen
Dieses Monster ist ein Monster, klar. Aber es ist auch schön. Seine Haut schimmert lila-grün. Auf dem Kopf trägt es einen roten Irokesen-Schnitt.
„Ich wollte dem Geschöpf einen Anflug von Schönheit verleihen, denn dadurch wirkt die Ablehnung viel härter“, sagt der Comickünstler David Sala, der Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ in einen Comic verwandelt hat.
„Man lehnt den anderen nicht ab, nur weil er ein Monster ist, sondern weil er uns nicht gleicht. Die bloße Tatsache, anders zu sein, reicht aus, um abgelehnt zu werden“, so Sala.
Die Schöpfungsszene berührt
Der Moment der Schöpfung wird für Victor Frankenstein der Beginn eines jahrelangen Alptraums. Kaum ist seine Kreatur erwacht, erfasst ihn ein unfassbares Gefühl des Ekels. Frankenstein flieht aus dem Labor und versteckt sich hinter seinem Bett.
Die Kreatur folgt ihm, reicht dem Menschen die Hand. Victor Frankenstein verzieht vor Entsetzen das Gesicht und haut ab. Seine Kreatur schaut uns an – fragend und ängstlich. Eine berührende Szene, die bei David Sala ohne Worte auskommt.
Eine zeitlose Erzählung über Ausgrenzung
„Die Kreatur verkörpert unsere Angst vor dem Anderen, den wir nicht akzeptieren wollen. Dieses Thema ist auch heute noch hochaktuell, obwohl das Buch schon über 200 Jahre alt ist“, sagt David Sala.
Wem gilt unser Mitgefühl? Wen grenzen wir aus, nur weil er uns nicht gleicht? Und wann übernehmen Menschen Verantwortung für ihr Handeln? Diesen Fragen nähert sich David Sala mit seiner eigenen schöpferischen Freiheit: Er verzichtet auf Text, verwendet Worte nur, wenn es nicht anders geht.
Spärliche Worte, satte Farben
Bei ihm sind es die satten, bunten Farben, die erzählen. Salas Bilder zeigen die ganze Gefühlspalette der namenlosen Kreatur. Mal hoffnungsvoll, neugierig, meist aber einsam und verängstigt.
David Sala weicht immer wieder leicht von der Romanvorlage ab. Zum Beispiel mit einer Episode, in der das Monster auf eine junge, rothaarige Frau trifft. Sie rettet es und päppelt es wieder auf.
Hilfsbereitschaft wird blutig bestraft
„Natürlich wird diese Menschlichkeit des Mädchens von den Menschen brutal zerstört werden. Und die Kreatur wird entdecken, dass die Menschen barbarisch sind“, sagt David Sala.
Auf über zwanzig Seiten ohne Text erzählt David Sala von dieser Begegnung, die in einem brutalen Blutbad endet. Denn die Dorfbewohner lynchen die junge Frau, bestrafen sie für ihre Hilfsbereitschaft und ihr Mitgefühl.
Dem Monster bleibt ein Mantel von Mitgefühl
Was dem Monster bleibt, ist ein Mantel, den ihm das Mädchen genäht hat. Er besteht aus Patchwork, aus vielen bunten Stoff-Quadraten. Bis zum bitteren Schluss wird dieses Geschenk, dieses Symbol von Mitgefühl, die Kreatur begleiten. Ein Mantel, der in seiner Struktur von Gustav Klimt stammen könnte.
Die knöchernen, langen Hände und Füße der Kreatur wiederum erinnern an Bilder des österreichischen Expressionisten Egon Schiele. Das alles verleiht dem Monster Zartheit und Unsicherheit.
Menschlicher als die Menschen selbst
David Sala ist mit „Frankenstein“ ein Meisterwerk gelungen, das Mary Shelleys zeitlosen Klassiker würdigt und es dank der Mittel des Comics zu einem eigenständigen Werk macht.
In einer Zeit, in der die inneren und äußeren Mauern hochgezogen werden und die Angst vor dem vermeintlich Anderen immer größer wird, lässt David Sala ein schillerndes Monster durch die Welt gehen, das am Ende menschlicher ist als die Menschen selbst.