„Urlaub vom Patriarchat. Wie ich auszog, das Frausein zu verstehen" von Friederike Oertel

Zu Besuch in einem der letzten Matriarchate Mexikos

Juchitán, so sagt man, ist eines der letzten Matriarchate Mexikos. Eine Femitopia also? Vor Ort entdeckt Friederike Oertel, dass es komplizierter ist: Handel, Finanzen und Kulturelles werden von Frauen bestimmt, Erwerbsarbeit und Politik aber sind Männersache. Ein faszinierender Blick auf Geschlechterrollen jenseits von Klischees.

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Von Autor/in Judith Reinbold

[…] ‚Ein Matri-, was soll das sein?“ hakt sie nach und sieht mich fragend an. ‚Ein Matriarchat‘, sage ich. Sie runzelt die Stirn und überlegt kurz. Dann zieht sie die Schultern hoch. ‚Tut mir leid, ich weiß nicht, was das sein soll‘.

Zwischen Mythos und Realität: Das vermeintliche Matriarchat von Juchitán

Die Reaktion der jungen Verkäuferin aus Juchitán irritiert die deutsche Journalistin Friederike Oertel. Denn angeblich ist die 100.000-Einwohner-Stadt im Süden Mexikos eines der letzten Matriarchate. Genau deshalb ist Oertel hierhergekommen: Sie will wissen, wie ein Leben jenseits patriarchaler Strukturen aussehen kann und den Alltag in Juchitán erleben.

Sie wohnt dort bei einer Gastfamilie und spricht mit Männern, Frauen und „Muxe“: Muxe, das sind Angehörige des dritten Geschlechts, seit jeher fester Bestandteil der indigenen Gesellschaft Juchitáns. Vor Diskriminierung sind Muxe trotzdem nicht geschützt, und auch sonst ist nicht alles rosig im Matriarchat:

[Es] wäre zynisch zu behaupten, in Juchitán würden Frauen den öffentlichen Raum dominieren. Nachts allein unterwegs zu sein, kann für Frauen lebensgefährlich sein. Kommunale Institutionen wie das Rathaus werden von Männern beherrscht, und die ersten Wochen in Juchitán haben mir gezeigt: Haushalt ist Frauensache.

Juchitán ist also weder ein ‚queeres Paradies‘ noch eine ‚Femitopia‘. Aber: Tatsächlich gibt es mehr öffentliche Bereiche, die weiblich dominiert sind, als zum Beispiel in Deutschland. In Juchitán bestimmen Frauen den regionalen Handel und die Finanzgeschäfte. So hat Oertel auf dem Markt erstmals das Gefühl, am richtigen Ort für ihre Recherchen angekommen zu sein:

Je näher wir dem Markt kommen, desto dichter werden Menschenmenge und Geräuschpegel. Frauen auf Lastenrädern fahren an uns vorbei in Richtung Zentrum, andere kehren mit Einkaufstaschen voller Eier, Avocados und Wurst zurück. […] Es sind fast nur Frauen unterwegs […] Das muss er sein, denke ich, der Ort, an dem die Frauen das Sagen haben.

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Märkte, Feste und die Bühne der Frauen

Ein wichtiger Faktor für die Wirtschaft in Juchitán sind auch die täglichen Feste. Organisiert werden sie von ausschließlich weiblich besetzten Komitees: Hier also gehört den Frauen die Bühne.

Auf der Tanzfläche raffen Frauen und Muxe ihre Röcke und beginnen eine Art langsamen Walzer zu tanzen, aufrecht und mit ernster Miene drehen sie sich im Kreis und umeinander. Mit jeder Minute, die vergeht, wird der Rhythmus der Musik schneller. […]

‘Das hier ist unser Auftritt‘, sagt die Frau. Ich streiche über den samtenen Stoff meiner enagua. […] In einem Rock kann man tanzen, Berge besteigen, rennen. […] Der Wickelrock macht jede Gewichtsschwankung mit, er will weder Körperform noch Körpermaße bestimmen. Ich finde, das passt zu diesem Ort, an dem Körperfülle ein Statussymbol ist, ein Zeichen von Wohlstand. […] [Die Philosophin] Stefanie Graul sieht in ‚der machtvollen Besetzung des realen Körperraumes‘ auch eine Form von Empowerment.

Geschickt verknüpft Oertel ihren Reisebericht mit theoretischen Hintergründen und allgemeinen Erkenntnissen zum Thema Frausein. Auch auf ihre eigene Biografie nimmt die Autorin Bezug.

Seit ich denken kann, habe ich versucht, in der Öffentlichkeit möglichst wenig Raum einzunehmen. […] Ich habe meinen Körper geschrumpft, wie so viele Frauen, die ich kenne. Es waren die frühen Nullerjahre und ich ein Teenager auf der Suche nach mir selbst. Ich wollte schön sein und in dieser Welt bedeutete das vor allem: dünn sein.

Erstaunlich offen erzählt Friederike Oertel von ihrer überwundenen Essstörung, von kritischen Momenten in Partnerschaften und Familiendiskussionen. Doch es handelt sich nicht um ihre persönliche Vergangenheitsbewältigung: Die intimen Einblicke zeigen, wie sehr sich Geschlechterrollenbilder auf das Leben eines einzelnen Menschen auswirken können.

Oertel verbindet ihren Praxisbericht mit historischen Rückblenden, ordnet wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch ein und vergleicht auffallend wertfrei Kulturen aus aller Welt. So spannend die Einblicke in vergangene Epochen und fremde Kulturen sind, so überflüssig scheinen die Passagen zu den gesellschaftlichen Diskussionen in Deutschland, etwa über die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Denn hier arbeitet sich die Autorin an altbekannten Statistiken und Argumenten ab.

„Urlaub vom Patriarchat“ ist keine seichte Urlaubslektüre, sondern eine inspirierende Einladung, die eigenen Vorstellungen von Geschlecht, Macht und Zusammenleben zu überdenken. Friederike Oertel gelingt es, die Lesenden für die Vielschichtigkeit sozialer Ordnungen zu sensibilisieren. Sie widerlegt romantisierende Vorstellungen und zeigt, wie komplex die Realität jenseits einfacher Zuschreibungen ist.

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Autor/in
Judith Reinbold