Hanns Zischlers Liebeserklärung an den Bleistift

Der elfte Finger der Hand

Kein Schreibgerät ist so unscheinbar, so vielseitig und so oft von der Literatur besungen: Der Schauspieler Hanns Zischler widmet dem Bleistift einen Essay, der als Liebeserklärung gelesen werden darf.

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Stand

Von Autor/in Ulrich Rüdenauer

Bedingt echtes Schreibgerät

Auch Schreibgeräte haben unterschiedliche Temperamente, verfügen über besondere Charaktereigenschaften, ausgewählte Fähigkeiten und eigensinnige Nutzer. Sie können auftrumpfen oder sich zurücknehmen. Das vielleicht unterschätzteste, aber vielseitigste aller Schreibutensilien gibt es seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Und es ist – in seiner Einfachheit – einfach zeitlos. 

Der Bleistift bleibt (und tut) bescheiden, anders als die spratzende Tinte, der krakeelende Kugelschreiber und der wichtigtuerische Filzstift. Er ist aus unserem Alltag nicht wegzudenken, und gerade weil er nur bedingt echt, d.h. zeitfest, dokumentenecht und autoritativ ist, bleibt er doch immer auf Linie: für den Einfall, den Abstrich eines Gedankens, ein verräterisches Zeichen, eine Randnotiz, eine Korrektur, eine Durchstreichung, eine Überschreibung; er ist ein universelles Medium, weich und hart, spitz und stumpf, immer zu gebrauchen, sich selbst genügend und verzehrend, billig und nützlich. 

Der Schauspieler, Schriftsteller, Übersetzer und bibliophile Privatgelehrte Hanns Zischler, der über Orangenpapier ebenso bezaubernd schreibt wie über Kafkas Kinoleidenschaft, skizziert in seinem neuen, schmalen Essay prägnant die Geschichte des Bleistifts.

Selbstverständlich in feinen Strichen. Von der Entdeckung reinen Graphits in den Hügeln des cumbrischen Borrowdale geht es über den Schreiner Kaspar Faber, der 1761 Holzschäfte herstellte, mit denen die Graphitminen ummantelt wurden, bis in unsere nicht mehr ganz so analoge Gegenwart. 

Hanns Zischler
Hanns Zischler (c) Imago, Manfred Segerer

Bruchfest und zurechtgespitzt 

Zischler zeichnet geradezu schwärmerisch nach, was der Bleistift alles kann, wie er sich mit der Hand verschwistert und fast zum „elften Finger“ wird, wie er für verschiedenste Zwecke gefertigt und zurechtgespitzt in unterschiedlichen Härtegraden bruchfest seine Aufgaben erfüllt. In welcher Vollendetheit dieses Gerät entwickelt wurde … 

… das sich aufbraucht und veräußert und seine Schale in bittersüß duftenden, bunten Holzkringeln abwirft … 
 

… sei geradezu staunenswert. Ja, es verdiene … 

… ein kleines Wunderwerk genannt zu werden.

Diese Autoren schrieben mit Bleistift 

Dieser poetische Ton ist durchaus angemessen, und er führt hin zu einem anderen Aspekt des Bändchens: Zischler lässt nämlich Autorinnen und Autoren zu Wort kommen, die selbst mit Bleistift schrieben und ihrem Produktionsmittel in Texten Denkmäler setzten. Vladimir Nabokov und Hans Christian Andersen haben ihre Auftritte, Franz Kafka und Warlam Schalamow, Goethe und Beethoven.

Natürlich werden auch Robert Walsers Mikrogramme im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe genommen: 526 Blätter, die 4500 Seiten Drucktext entsprechen, hatte Walser mit dem Bleistift mit Millimeter kleiner Schrift gefüllt.

Unlesbar dieses „Bleistiftgebiet“, bis Bernhard Echte und Werner Morlang in 17 Jahre währender Arbeit es doch Wort für Wort entzifferten. Kein Füller und kein Kugelschreiber könnte solch zarte Zeichen setzen. 

Abnutzungen und Verletzungen 

Aber der Bleistift ist nicht nur sanft. Zischler schildert eindrücklich, was eigentlich passiert, wenn er auf Papier trifft. 

Die Berührung von Bleistift und Papier – in Schrift und Zeichnung – führt auf beiden Seiten zu Abnutzungen, Verletzungen, die durch den Radiergummi nicht nur nicht wettgemacht, sondern tendenziell vergrößert werden: Das Papier zerreibt und schmirgelt die Bleistiftspitze, so wie umgekehrt der Stift die intakte Oberfläche, die Haut des Papiers, ritzt und tätowiert. 

Ob es auch ein nostalgischer Blick ist, den Zischler auf den Bleistift wirft? Gewiss. Wird er sich gegen elektronische Alltagsgeräte, in die sich eilig alles mögliche einschreiben lässt, behaupten können?

Die Frage ist noch nicht entschieden. Bekanntlich können Neues und Altes auch koexistieren. Ein simpleres, unaufwändigeres, praktischeres Schreibwerkzeug, das weder Strom braucht noch viel Platz, lässt sich ja schwerlich noch einmal erfinden. 

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Ulrich Rüdenauer