Marbacher Schillerrede 2025

König Lear und Trump: Schillerrede von Eva Illouz über Männer mit großem Ego

In ihrem Vortrag übte die Soziologin scharfe Kritik an US-Präsident Trump. Die amerikanische Politik werde von einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit dominiert.

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Stand

Von Autor/in Silke Arning

„Erschütternde“ Ausladung in Rotterdam

Jedes Jahr wird im Deutschen Literaturarchiv in Marbach die Schillerrede gehalten. Anlass ist der Geburtstag des Dichters am 10. November. Und so war diesmal die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz angereist, die gerade erst unfreiwillig in die Schlagzeilen geraten war.

Die Universität Rotterdam hatte Illouz erst ein-, dann wieder ausgeladen. Weil sie auch an der Hebräischen Universität von Jerusalem unterrichte, fühle man sich „unbehaglich“, so die Begründung.

Vor diesem Hintergrund fiel die Begrüßung in Marbach betont herzlich aus. Arne Braun, Baden-Württembergs Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, nannte die Rotterdamer Ausladung „erschütternd“. Hochschulen sollten ein Ort des offenen Dialogs sein.

v.l.n.r.: Kai Uwe Peter, Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, Eva Illouz, Sandra Richter, Direktorin des DLA, Arne Braun, Staatssekretär
v.l.n.r.: Kai Uwe Peter, Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, Eva Illouz, Sandra Richter, Direktorin des DLA, Arne Braun, Staatssekretär

Scharfe Kritik an US-Präsident Trump

Ein sehr offenes Wort fand dann Eva Illouz in ihrer Schillerrede. In ihrem Vortrag, der sich mit Shakespeare und den Kategorien von Moral und Chaos beschäftigte, übte sie scharfe Kritik an US-Präsident Trump, der sich selbst nicht in Frage stelle und mit seinem Regierungsstil einen antidemokratischen Autoritarismus fördere.

Fast eine Stunde lang vertiefte sich Eva Illouz in einer detaillierten Analyse von Shakespeares King Lear, um dann das Publikum mit ihren Feststellungen aufzurütteln: Trump sei eine neue Art faschistischer Führer, der keine klare und starre Ideologie vertrete, sondern im Gegenteil: er stifte Verwirrung und zwar eine Verwirrung, die im vorherigen technischen Zeitalter nicht möglich gewesen sei. 

So nüchtern diese These plötzlich im Raum stand, unvorbereitet kam sie nicht. Nicht umsonst hatte Eva Illouz Shakespeare in den Mittelpunkt Ihrer Rede gestellt. Schließlich lese man Texte, um sich auf indirekte Weise mit den Unsicherheiten, dem Leid und den Torheiten des menschlichen Lebens auseinanderzusetzen.

Soziologin Eva Illouz, Schillerrede 2025
In der diesjährigen Schillerrede übte die französische Soziologin scharfe Kritik an US-Präsident Trump.

König Lears grundlegender Fehler

Und so hatte die Soziologin in dem Drama König Lear noch einmal sehr genau die Stelle studiert, in der die Tochter dem König, ihrem Vater, ihre uneingeschränkte Liebe versichern soll. Was sie nicht tut: sie weigert sich, den Vater mit falschen Schmeicheleien zu überschütten. Die Folge: sie wird enterbt und verstoßen. 

Das sei König Lears grundlegender Fehler, sagte Eva Illouz. Er wollte, dass Cordelia ihn hundertprozentig liebt. Andernfalls würde sie zu seiner Feindin werden.

Trumps politisches Verhalten steht, so glaube ich, in direktem Zusammenhang mit seinem Verhältnis zu sich selbst und der Tatsache, dass sein Selbst Ausgangs- und Endpunkt seiner Entscheidungen ist. Die Wahrnehmung von Illoyalität, die Forderung, dass das Gesetz seinen Launen und Feindseligkeiten gehorchen müsse, dass Armee und Polizei als Privatarmee ihm persönlich dienen sollten, entspringt direkt seinem Gefühl, dass sein Selbst nicht in Frage gestellt werden kann.

King Lear und Donald Trump – zwei Männer also mit großem Ego, das keinen Widerspruch duldet. Und was in den Augen von Eva Illouz womöglich noch schwerer wiegt: das ist nicht die Missachtung, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und gegenüber den Menschen.

In einem Regime, das sich selbst widerspreche,  könne man wirklich nicht wissen, für welche Ideen Trump eigentlich stehe. Das führe zu moralischem Chaos. Vor diesem Hintergrund spielen die sozialen Medien nach Ansicht der Soziologin eine fatale Rolle. 

Eva Illouz hält eine vergoldeten Schiller in der Hand
Eva Illouz erhält von Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach einen vergoldeten Schiller.

Soziale Medien sind riesige Technologien der Selbstdarstellung, in denen die Subjekte die Wahrheit über sich selbst verbreiten und mit ihren Followern und „Likes“ prahlen.  Was König Lear und Trump wollen, sind Follower. Doch die einzige Funktion von Followern besteht darin, zu bekräftigen und zu bestätigen, wer ich zu sein behaupte. 

Cordelia, die Königstochter, war keine Followerin, stellte Eva Illouz in ihrer Rede klar. Sie stehe für den mühseligen Dialog über Realität und Selbstreflexion. Etwas, was nach Beobachtung der Soziologin, in den Sozialen Medien, keinen Platz hat. Und so lautet das ernüchternde Fazit: 

Soziale Medien dienen dazu in der Öffentlichkeit Schmeicheleien zu inszenieren und letztendlich Sinnlosigkeit zu erzeugen: Worte verlieren nicht nur ihre Bedeutung. Es spielt auch keine Rolle mehr, dass sie keine Bedeutung mehr haben. 

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Autor/in
Silke Arning
Moderatorin Silke Arning