Aus einem deutsch-deutschen Schriftstellerleben

Hans Joachim Schädlichs Erinnerungsbuch „Bruchstücke“

Bevor Hans Joachim Schädlich die DDR verließ, hielt ihm der berühmte Stefan Heym vor: „Was wollen Sie im Westen. Sie kennen sich nicht aus.“ Dies und vieles mehr erfährt man aus seinem Erinnerungsbuch „Bruchstücke“.

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Von Autor/in Eberhard Falcke

Hans Joachim Schädlich und Günter Grass unterhielten ein besonderes Verhältnis. Als die DDR dem Ostberliner Schädlich aus politischen Gründen alle Verdienstmöglichkeiten entzog, unterstützte ihn Grass mit einer rettenden Summe. Und mit großem Engagement setzte er sich nach der Ausreise des ostdeutschen Kollegen für dessen Bücher ein.

Doch dann, nach der Wiedervereinigung, folgte das Zerwürfnis. Dass Grass in seinem Roman „Ein weites Feld“ die DDR als „kommode Diktatur"“ charakterisierte, wollte ihm Schädlich nicht durchgehen lassen. In einem Brief warf er Grass vor: 

Es ist kein Wunder, dass Du das gesamte Stasi-System regelrecht verharmlost. Wie ‚angenehm‘ diese Diktatur war, hättest Du von Leuten wissen können, die Erfahrungen mit der Stasi gemacht haben 

Anekdoten, Begegnungen, Schlüsselmomente 

Der Rückblick auf die Freundschaft mit Grass und ihr harsches Ende gehört zu den brisantesten Texten in Hans Joachim Schädlichs Erinnerungsbuch mit dem bescheidenen Titel „Bruchstücke“. Darin versammelt der nun neunzigjährige Schriftsteller Anekdoten, Begegnungen, Schlüsselmomente und Merkwürdigkeiten aus seinem Leben. Er lässt Kollegen wie Uwe Johnson, Nicolas Born, Adolf Endler oder Max Frisch in Momentaufnahmen und Porträtskizzen auftreten.

Sarah Kirsch, die Dichterin und enge Freundin, überraschte ihn mit ihrer Fürsorglichkeit, später hob sie sarkastisch hervor, es sei ihm das „Meisterstück“ gelungen, in der DDR kein einziges Buch herauszubringen. Von SED-Funktionären dagegen wurde er aufgrund unveröffentlichter Texte der „psychologischen Kriegsführung gegen die DDR“ beschuldigt.  

Literatur und Staatssicherheit 

Schädlich erlebte, so lässt sich sagen,  die Wiederkehr des deutschen Untertanen in Gestalt realsozialistischer Mitläufer, Karrieristen und Spitzel. Das ist ein zentrales Thema in seiner stets präzise gearbeiteten Erzählprosa und es bildet auch den roten Faden in diesen Erinnerungsfragmenten, die mal sachlich, mal mit leiser Ironie und oftmals spürbar nachzitternder Bewegung formuliert sind. 

Etliche Reminiszenzen sind Schädlichs häufigen Aufenthalten an US-Universitäten gewidmet. Dabei sticht besonders sein Auftritt bei einem Symposium in Washington 1988 hervor. Da bezeichnete Schädlich die These, es habe sich in der DDR eine „sozialistische Nationalliteratur" entfaltet, als „propagandistischen Hokuspokus“. Er stellte fest: 

In der DDR verfügen die Herrschenden über ein umfassendes Zensursystem. Eine erhebliche Arbeit an der Sache der Literatur leistet der Staatssicherheitsdienst durch Hilfe bei der Beseitigung oder bei der Zusammenstellung von Manuskripten.

Eine exemplarische deutsch-deutsche Geschichte 

Sicher ist jedenfalls: das entsprach Schädlichs persönlicher Erfahrung und dadurch wurde sein Selbstverständnis, wie hier immer wieder spürbar wird, unwiderruflich geprägt: als das eines Schriftstellers, dem im Land seiner Herkunft das Wort verboten wurde, und der erst in den Westen gehen musste, um seiner Berufung folgen zu können.

Dass sich sogar Schädlichs Bruder als Stasi-Spitzel entpuppte, taugt zum schmerzhaften Sinnbild dieses deutsch-deutschen Schriftstellerlebens. Kurzum: Hans Joachim Schädlichs „Bruchstücke“ messen in anekdotischer Form literaturgeschichtliche Höhen und Abgründe aus, von denen nur noch wenige so zuverlässig Zeugnis ablegen können wie er. 

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Autor/in
Eberhard Falcke