Manchmal kommt das alles schon ein bisschen spröde daher. Vor allem im ersten Teil seiner Erinnerungen sediert Heinrich August Winkler die Leserschaft mit länglichen Namensaufzählungen von Lehrern und Hochschulprofessoren.
Im akademischen Zusammenhang sicher nicht uninteressant – aber für ein breiteres Publikum? Ab dem zweiten von drei Kapiteln jedoch nimmt Winklers Autobiographie deutlich Fahrt auf.
Der 87-Jährige erinnert sich an seine Kindheit in Königsberg und an die Flucht seiner alleinerziehenden Mutter im Sommer 44 auf die Schwäbische Alb. Brigitte Winkler, die Mutter, trat eine Stelle als Lehrerin an der Urspringschule in der Nähe von Schelklingen an.
Protestantisches Ethos
Ihrem Sohn vermittelte die promovierte Historikerin eine pflicht- und leistungsorientierte Haltung, typisch für das bürgerlich-protestantische Milieu der ersten Jahrhunderthälfte:
Ich wurde streng evangelisch erzogen. Ich wuchs auf mit Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, mit Kirchen- und Volksliedern, klassischer Musik, wobei Johann Sebastian Bach das Nonplusultra war und für mich geblieben ist. Gegen nationalsozialistische Einflüsse wurde ich, so gut es ging, abgeschirmt.
Man war konservativ, nicht völkisch gesinnt bei den Winklers. 1948 übersiedelt die Familie nach Ulm. Heinrich August besucht, der Familientradition entsprechend, das altsprachliche Gymnasium.
Früh beginnt er sich für Politik und Geschichte zu interessieren. Mit 16 tritt der junge Mann in die CDU ein. Es folgen Studien in Münster, Tübingen und Heidelberg.
1961 – nach der berüchtigten Verleumdungskampagne der deutschen Christdemokratie gegen den Emigranten Willy Brandt – verlässt der Jung-Historiker die CDU, ein Jahr später tritt er in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein.
Drei biographische Skizzen
Was er mit seinem Buch vorlege, seien keine klassischen Memoiren, betont Heinrich August Winkler, es handle sich vielmehr um biographische Skizzen.
Der 87-Jährige berichtet von Begegnungen mit Jürgen Habermas, Reinhart Koselleck und Ralf Dahrendorf, er gedenkt aber auch der politischen Kämpfe, in die er sich im Laufe seines Lebens gestürzt hat:
Gegen eine Zusammenarbeit seiner SPD mit der postkommunistischen PDS hat sich Winkler nach der Wende ebenso ausgesprochen wie gegen die deutsche Beteiligung am Irak-Krieg 2003. Auch über Putin und seine neo-imperialistischen Ambitionen habe er sich spätestens nach der Annexion der Krim 2014 keine Illusionen mehr gemacht, so der Historiker.
Dann und wann gestattet sich Heinrich August Winkler auch höchstpersönliche Erinnerungen. Den Tag der deutschen Einheit etwa habe er zusammen mit seiner Frau im schwäbischen Stegen-Eschbach erlebt, wo das Ehepaar ein Haus besitzt:
Der 3. Oktober 1990, der Tag der Wiedervereinigung, wurde auch in Eschbach feierlich begangen. Der Teilortsbürgermeister, ein aufrechter badischer Christdemokrat, dankte in seiner Rede von der Treppe des alten Rathauses aus dem „Regenten von Russland“, also Michail Gorbatschow, unter großem Beifall dafür, dass er dieses Ereignis möglich gemacht habe. Es dürfte das erste und letzte Mal in der Geschichte gewesen sein, dass der Chef einer kommunistischen Partei in einem Schwarzwalddorf so viel Zuspruch fand.
Bilanz eines erfüllten Forscherlebens
Heinrich August Winklers Erinnerungsbuch – halb Selbstreflexion, halb autobiographische Leistungsschau – ist die Bilanz eines erfüllten Forscherlebens.
Deutschlands langen Weg nach Westen hat Winkler nicht nur brillant analysiert, er hat ihn auch befördert.
Man kann es für einen melancholischen Akkord in der Abendröte der Winklerschen Forscherbiographie halten, dass ihm „der Westen“ in den letzten Jahren, wie es scheint, unter den Füßen wegzubröckeln beginnt.
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